ZEIT: Sie glauben ernsthaft, dass die EU und die Bundesregierung dann den Kurs ändern?

Tsipras: Wir sind optimistisch, dass die Vernunft siegen wird und wir keinen sozialen Holocaust in Europa erleben werden. Griechenland bleibt ein systemisches Risiko für die Euro-Zone, deshalb ist eine Lösung in aller Interesse. Deutschland muss sich entscheiden, ob es ein Führungsland der EU oder eines deutschen Europas sein will. Das ist auch nicht gut für Deutschland. Es sollte die anderen Länder nicht in Schuldenkolonien verwandeln, das würde eine Hegemonie auf tönernen Füßen sein.

ZEIT: Was wäre denn ihr Plan für die Euro-Zone?

Tsipras: Sehen Sie, Deutschland hatte 1953 eine Schuldenkonferenz. Ähnlich wie damals wollen wir eine europäische Konferenz, in der sich Europa von der Zwangsjacke der Schulden befreit. Halb Europa hat Schulden bei der anderen Hälfte, das behindert unsere Entwicklung. Griechenland wird nicht mit Haushaltsüberschüssen aus der Krise kommen, die mit dem Blut und Schmerz der Gesellschaft erkämpft werden. Ich schlage vor, dass wir einen großen Teil der Schulden abschreiben und ein Moratorium auf Rückzahlung der Schulden erklären. Wir brauchen einen europäischen New Deal für Europa. Wir brauchen ein Stabilisierungsprogramm, das in Phase eins nur Hilfsgelder vorsieht, die die humanitäre Krise lösen sollen, aber nicht den Schuldenberg anwachsen lassen. Wir können die Krise überwinden durch öffentliche Investitionen in Arbeitsplätze und Entwicklung.

ZEIT: Und wenn Ihr Plan nicht akzeptiert wird?

Tsipras: Wenn unsere Partner negativ auf unseren Plan reagieren, dann schicke ich Frau Merkel ein hübsch verpacktes Paket mit den Ruinen der Euro-Zone. Aber das ist nicht unser Ziel.

ZEIT: Ihr Plan klingt, als wollten Sie den öffentlichen Dienst vergrößern. Wollen Sie zum alten Problem Griechenlands zurückkehren?

Tsipras: Das habe ich nicht gesagt. Wir sollten uns Ausgaben leisten, die wichtig für den sozialen Zusammenhalt sind, aber nichts verschwenden. Die europäische Troika hat die Verschwendung nicht angetastet und die nötigen Ausgaben gekürzt. Sie haben Löhne gesenkt, die die Wirtschaft am Laufen halten.

ZEIT: Sie fordern die Nationalisierung der Banken. Verschrecken Sie nicht Investoren?

Tsipras: Die Griechen sind verschuldet wegen der Milliarden, die unsere Banken am Leben halten. Deshalb sollte der Staat die Aktienmehrheit haben und die Verwaltung der Banken leiten. Wir haben das falsche Modell: In Griechenland zahlt der Staat und die Kontrolle liegt bei jenen, die die Banken in Bankrott treiben. Was da passiert, ist kriminell. Der Wert der staatlichen Investitionen wird um die Hälfte geschmälert.  

ZEIT: Wie wollen Sie einen Sturm auf die Banken verhindern, wenn Sie an die Regierung kommen?

Tsipras: Ein Sturm auf die Banken gab es auf Zypern, wo die Regierung nach den Auflagen der EU und der EZB die Ersparnisse der Sparer glatt halbierte. Die Angst, dass die Sparer durch eine linke Regierung bedroht werden, ist doch irreal. Wir wollen die Ersparnisse der Griechen retten, und die EZB sollte uns dabei helfen. Der Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft beträfe die ganze Euro-Zone.

ZEIT: Das Gerücht hält sich hartnäckig, Sie würden nach Wahlen eine Koalition mit den Rechtspopulisten von Panos Kammenos eingehen?

Tsipras: Ich weiß gar nicht, ob Kammenos überhaupt ins Parlament kommt.

ZEIT: Und wenn er es schafft?

Tsipras: Wir wollen die absolute Mehrheit, und das ist ein realistisches Ziel. Wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir eine Koalition eingehen. Aber wer wird noch im Parlament sein? Kammenos hat gerade zwei Abgeordnete verloren. Wir wollen unsere Werte nicht aufgeben, um zu regieren. Aber wir wollen das griechische Volk einigen, um aus der Krise zu kommen.

ZEIT: Russland hat auf der Krim internationales Recht gebrochen. Wie soll die EU reagieren?

Tsipras: Zum ersten Mal seit Ende des Kalten Krieges ist das Gleichgewicht am Rande Europas erschüttert. Europa hat große Fehler gemacht. Es hat in der Ukraine eine Regierung anerkannt, die das Ergebnis eines verfassungswidrigen Umsturzes ist. In dieser Regierung sitzen Neonazis. Es ist scheinheilig, Nazis stoppen zu wollen und sie in Kiew zu akzeptieren. Der Bruch des internationalen Rechts und die Verletzung der Grenzen sind leider nicht neu in Europa. Wir hatten das 1974 in Zypern und es folgten seither keine Sanktionen gegen die Türkei.

ZEIT: Der Vergleich stimmt nicht. Die Türkei hat Nordzypern nicht angeschlossen, Russland hat die Krim annektiert. Es ist die erste Annexion in Europa seit 70 Jahren. Wie soll man darauf reagieren?

Tsipras: Es muss Vernunft und Zurückhaltung herrschen, die Situation darf nicht eskalieren. Europa sollte auf den Nato-Beitritt der Ukraine verzichten. Russland muss wissen, dass wir Gewalt nicht tolerieren. Aber Wirtschaftssanktionen sind falsch. Wir brauchen einen Dialog im Rahmen des internationalen Rechts. Die Europäer sollten ehrlich alles daran setzen, mit Russland an einem Tisch zu sitzen und die Lage zu entspannen. Sonst gehen wir zurück zum Kalten Krieg, den wir nicht wollen.

ZEIT: Bundespräsident Gauck hat sich kürzlich in Griechenland für die Verbrechen deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg entschuldigt. Hat das die Griechen versöhnt?

Tsipras: Das war ein mutiger Akt. Aber er wäre mutiger und aufrichtiger gewesen, wenn Berlin erklärt hätte, was mit der deutschen Zwangsanleihe (bei der griechischen Staatsbank von 1942, d. Red.) passieren soll und ob die Deutschen Reparationen für die Schäden des Zweiten Weltkriegs zahlen. Da wir Griechen in einer schwierigen Lage sind, können wir es uns nicht leisten, die Sache aus Höflichkeit zu vergessen.

ZEIT: Soll Deutschland die Anleihe zurückzahlen?

Tsipras: Wenn wir nicht unsere Schulden zahlen, sind wir schlechte Schuldner. Es ist Sache der Regierungen, ein Abkommen über die ausstehenden deutschen Schulden auszuhandeln. Die finale Summe ist nicht so wichtig. Auch wenn es nur ein Euro wäre, würde das einen gewissen symbolischen Wert haben für die Rückzahlung.

ZEIT: Wo verbringt der Spitzenkandidat der europäischen Linken gern den Urlaub, wenn nicht in Griechenland?

Tsipras: Es ist schwer Griechenland zu verlassen, aber wenn ich es tue, dann fahre ich im Sommer gern nach Italien oder Spanien. Im Winter aber ziehe ich Ihre Stadt vor, ich war dort viele Male, ich mag Berlin.