Gestern haben in Indien die Parlamentswahlen begonnen, die sich, nach Bundesländern zeitlich gestaffelt, bis zum 12. Mai hinziehen werden. Rund 815 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, in diesem "Tanz der Demokratie" – so die Times of India – ihre Stimme abzugeben. Im größten demokratischen Wahlverfahren der Welt werden 11 Millionen Wahlhelfer in den 930.000 Wahllokalen für einen geordneten Ablauf und eine einwandfreie Auszählung sorgen.

Derzeit deutet alles darauf hin, dass Indien vor einem Machtwechsel steht. Nach zehn Jahren Herrschaft der Nehru-Gandhi-Dynastie (und insgesamt 54 der 67 Jahre seit der Unabhängigkeit) wirkt die regierende Congress Party ausgelaugt, erschöpft und unfähig, überfällige Reformen ins Werk zu setzen und dem Land einen neuen Wachstumsschub zu verpassen. Hinzu kommt, dass Rahul Gandhi, der jüngste Spross des Clans, als Kandidat für das Ministerpräsidentenamt eine eher schwache Rolle spielt.

So kommt es, dass alle Augen sich nun auf den Spitzenkandidaten der hinduistischen Oppositionspartei Bharatiya Janata Party (BJP) richten. Narendra Modi, dem Chefminister des wirtschaftlich aufblühenden Bundesstaates Gujarat, räumen die Umfragen und das Kommentariat die besten Aussichten ein. Vor allem die Unternehmerschaft setzt auf seinen Erfolg: Sie erhofft sich von ihm, dass er die lähmende Stagnation überwindet.

Mehrere Faktoren nähren freilich die Ungewissheit über den Wahlausgang.

Zum ersten hängt Modi weiterhin an, dass er bei den gewaltsamen Ausschreitungen im Jahr 2002, in denen zwischen 1.000 und 2.000 Muslime ums Leben kamen und 100.000 ihr Obdach verloren, eine zwielichtige Haltung eingenommen hat. Es wird ihm vorgeworfen, er habe die Sicherheitskräfte während der Pogrome wissentlich und willentlich zurückgehalten. Dies wird die übergroße Mehrheit der 180 Millionen Inder islamischen Glaubens – 14 Prozent der Bevölkerung – davon abhalten, ihm ihre Stimme zu geben.

Zum zweiten ist in der politischen Landschaft Indiens neuerdings eine dritte Kraft aufgetaucht, die Aam Aadmi (AAP, die "Partei des kleinen Mannes"), des Sozialaktivisten Arvid Kejriwal. Bei den Gouverneurswahlen in Neu-Delhi errang sie einen unerwarteten Sieg, konnte sich aber nur 49 Tage an der Regierung halten. Ihr populäres Thema ist die alles zerfressende Korruption im Lande, doch Mangel an politischer Erfahrung, vielfach fragwürdiges Personal und programmatische Schwäche begrenzen ihre Zugkraft.

Zum dritten müsste jede der beiden großen Parteien im indischen Unterhaus, der Lok Sabha, mindestens 200 der 545 Sitze erringen, um aus den Reihen der Regionalparteien, auf die gemeinhin die Hälfte der Stimmen entfällt, Koalitionspartner für eine stabile Mehrheit an sich zu binden. Dies gilt auch für Modis BJP. Nach der Auszählung der Stimmen kommt erst einmal großes Geschacher. Selbst eine Große Koalition von Congress und BJP ist da nicht auszuschließen.

In sechs Wochen wird die Welt schlauer sein. Dann werden wir wissen, in wessen Hände Indiens Wähler die Zukunft der größten Demokratie der Erde legen. Dies wird auch darüber entscheiden, ob die Wahlen in einem Freudentanz enden. Konkret: ob das Land endlich eine Chance bekommt, im globalen Wettbewerb mit dem autoritären Kapitalismus Chinas mitzuhalten. Sicher ist dies keineswegs. Jedenfalls nicht, wenn es im bisherigen Trott weitergehen sollte.