ZEIT ONLINE: Herr Botschafter, wie beurteilen Sie die deutsche Debatte über die Ukraine und Russland?

Pavlo Klimkin: In Deutschland gibt es noch veraltete Vorstellungen von der Ukraine. Zum Beispiel dass die Krim oder gar die ganze Ukraine irgendwie zu Russland gehören, weil sie Teil der Sowjetunion waren. Oder dass die Ukraine klar zwischen Ost und West gespalten sei. Dabei ist es viel komplizierter. Und dann das Missverständnis, Ukrainisch sei nur ein Dialekt des Russischen, obwohl es zwei Sprachen sind. Allerdings wird der Sprachaspekt oft überschätzt. Mir ist es völlig egal, ob ich Russisch oder Ukrainisch spreche.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich ist ein EU-Beitritt nach der Annexion der Krim und den Unruhen im Osten der Ukraine?

Klimkin: Nach dem Vilnius-Gipfel Ende 2013, als das EU-Assoziierungsabkommen, das ich selbst ausgehandelt habe, nicht unterzeichnet wurde, waren meine deutschen Freunde skeptisch, ob es noch etwas wird mit der EU und der Ukraine. Jetzt ist der politische Teil des Abkommens unterzeichnet. Nach den Präsidentschaftswahlen werden wir hoffentlich das ganze Abkommen implementieren.

Es gibt viele Herausforderungen in der Ukraine. Wir können sie nicht bewältigen, solange Russland die Ukraine weiter destabilisiert. Russland hat alle völkerrechtlichen und politischen Regeln gebrochen und meint noch immer, das Recht zu haben, weiterhin ohne Regeln spielen zu dürfen. Das ist für alle unglaublich gefährlich. Deshalb brauchen wir die Solidarität und das Engagement von der EU und den USA, damit die Ukraine überhaupt einen europäischen Weg gehen kann. Wenn der russische Einfluss von außen zu stark wird, dann wird nicht nur die Ukraine destabilisiert, sondern das ganze europäische Projekt.

ZEIT ONLINE: Und wenn nur ein Teil der Ukraine den europäischen Weg gehen will?

Klimkin: Auch im Osten der Ukraine ist laut repräsentativen Umfragen die Mehrheit der Menschen für den europäischen Weg. Die schrecklichen Unruhen in den ostukrainischen Städten sind mit den Ereignissen auf dem Maidan nicht zu vergleichen: Auf dem Maidan waren an manchen Tagen fast eine halbe Million Menschen. In Donezk sind es jetzt vielleicht 300 Leute – und die sind herbeiorganisiert. Viele Menschen, die dort leben, unterstützen die Gewalt auf den Straßen nicht.

Allerdings stehen die Menschen im Osten der Ukraine sehr unter dem Einfluss russischer Propaganda, denn sie sehen meist russisches Fernsehen und nicht ukrainisches. Daher haben sie oft keinen Zugang zu echten Informationen. Deshalb glauben manche, die Regierung in Kiew wolle verbieten, dass im Osten Russisch gesprochen wird. Aber das ist Blödsinn.

ZEIT ONLINE:  Warum geht die ukrainische Regierung nicht härter gegen die Separatisten im Osten vor?

Klimkin: Wir bekommen Warnungen aus dem Westen, Russland keinen Vorwand zu liefern, militärisch einzugreifen. Man fürchtet, dass die Russen ein härteres Vorgehen als Vorwand nutzen könnten, die Lage weiter zu destabilisieren. Denn Moskau will ja nicht den Osten der Ukraine annektieren wie die Krim, sondern die Region destabilisieren. Das Ziel ist die Föderalisierung der Ukraine – aber in einem spezifisch russischen Verständnis: Die verschiedenen Regionen sollen zum Beispiel ein Veto-Recht in außenpolitischen Angelegenheiten haben und auch so verhindern können, dass die Ukraine der EU beitritt.

Es gibt im Osten verschiedene Akteure: russische Spezialeinheiten, ukrainische Kriminelle, mittlerweile auch Tschetschenen und radikale russische Kosaken. Manche verfolgen die Taktik, mit kleinen, gewaltbereiten Gruppen fast überall präsent zu sein. Sie schlagen zu und tauchen dann woanders wieder auf. Die lassen sich nicht einfach kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Hat Ex-Präsident Viktor Janukowitsch, der sich in Russland aufhält, noch Einfluss auf den Osten der Ukraine?

Klimkin: Die Russen bedienen sich Janukowitschs, um die Lage zu destabilisieren. Er hat sicher noch einen gewissen Einfluss, vor allem in Donezk und Luhansk – schließlich war er in den neunziger Jahren Gouverneur in Donezk.