Sie darf nicht Auto fahren, will sie verreisen, braucht sie die schriftliche Genehmigung ihres Mannes. Kein Wunder, dass sich Somayya Jabarti immer wieder ihre Wut vom Leib schreibt, in beißenden Editorials die Demütigungen und Zumutungen anprangert, denen saudische Frauen in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Dabei hat es die 44-Jährige in ihrer erzkonservativen Heimat weit gebracht.

Seit kurzem ist sie Chefredakteurin der Zeitung Saudi Gazette, eine Führungsposition, die vor ihr noch kein weibliches Wesen in dem Königreich erreicht hat. Chefetagen in der Medienwelt am Golf sind reine Männerbastionen, auch wenn es unter Journalisten eine wachsende Zahl junger Reporterinnen gibt. Bei der Saudi Gazette arbeiten inzwischen 17 weibliche Nachwuchsjournalistinnen, alle jedoch müssen wegen der strengen islamistischen Regeln der Geschlechtertrennung in einem separaten Redaktionsbüro sitzen.

Nach dem Index für Frauenförderung des Weltwirtschaftsforums von Davos gehört Saudi-Arabien nach wie vor zu den Ländern, die den Frauen weltweit die wenigsten Rechte einräumen. Ähnlich repressiv sieht es übrigens bei der Pressefreiheit und den Menschenrechten aus.  

Kern der traditionell-religiösen Entrechtung der weiblichen Bevölkerung ist das sogenannte Vormundschaftsrecht. Ohne ausdrückliche Zustimmung der Männer dürfen Frauen nicht studieren und nicht arbeiten, kein Bankkonto eröffnen und keine Wohnung mieten. Der Mann muss auch bei allen ärztlichen Eingriffen zustimmen, selbst wenn bei einer Geburt die werdende Mutter eine Spritze gegen die Schmerzen wünscht.   

"Ein erster Riss in der gläsernen Decke"

Auf dem Arbeitsmarkt zählt der Frauenanteil zu den niedrigsten der Welt. Immerhin stieg der Anteil der weiblichen Beschäftigung in den vergangenen sechs Jahren von neun auf magere 16 Prozent. Erstmals 2013 ernannte König Abdullah dann auch 30 Frauen für den 150-köpfigen Shoura-Rat, das nicht gewählte Parlament, was kaum eigene Befugnisse hat und den Monarchen berät.

Ihre erste Begegnung mit dem Journalismus hatte Somayya Jabarti in den Vereinigten Staaten durch ein Praktikum bei der Salt Lake Tribune im US-Bundestaat Utah. In Saudi-Arabien studierte sie an der King Abdul Aziz Universität in Jidda Europäische Sprachen und Literatur. Dann folgten neun Jahre bei den englischsprachigen Arab News, wo sie von der Lokalredakteurin bis zur stellvertretenden Chefredakteurin aufstieg. 2012 wechselte sie als stellvertretende Chefredakteurin zur Konkurrenz, der Saudi Gazette, die eine Auflage von 47.000 Exemplaren hat. 

Seit Mitte Februar steht sie nun an der Spitze des überregionalen Blattes, das gemessen an saudischen Standards als relativ weltoffen gilt. Ihr Vorgänger und Mentor Khaled Almaeena, der die Redaktion mehr als zehn Jahre führte, schrieb in einem Brief an die Leser, es mache ihn stolz, eine Frau als seine Nachfolgerin präsentieren zu können. Ihr Erfolg sei nicht Ergebnis einer Frauenquote, sondern Ergebnis von Leistung, mit der sich Somayya Jabarti diese Chance erarbeitet habe. "Meine Beförderung ist ein erster Riss in der gläsernen Decke", sagt sie. "Und ich hoffe, dass dieser Riss eines Tages zu einem Durchbruch wird."