Isjum, 15. April. Gespräche mit Soldaten und Offizieren

Ein Soldat des Innenministeriums, den ich Kudenko nenne, erzählt, die Aufgabe seiner Truppe bestehe darin, den "Separatisten" den Weg in die Oblast Charkiw zu versperren. Die Soldaten stoppten Autos und überprüften den Kofferraum. Die Fahrer fragten sie, ob sie Ukrainer seien.

"Hoffentlich wird all das schnell und friedlich aufgelöst", sagt Kudenko. Er stammt aus der Oblast Cherson, die an die Krim grenzt. Dort sympathisieren viele mit Russland und hassen die Bewohner der Westukraine, die man im Südosten "Banderas" und "Benderowtsen" nennt.

"Sympathisieren Sie mit der Landwehr?" frage ich Kudenko. Er trägt eine Maske und ist nicht abgeneigt, mit mir zu sprechen. "Ich kenne mich nicht aus, ich befolge Anweisungen." "Und wenn sie sagen, schieß auf deine eigenen Leute?" "Wenn sie zuerst anfangen zu schießen, wie sollen sie denn unsere eigenen Leute sein?" "Und Zivilbevölkerung, werden Sie auf Menschen schießen, die Barrikaden verteidigen?" "Das wäre ein verbrecherischer Befehl, das muss man nicht befolgen. Ich bin mir sicher, so ein Befehl wird niemand geben."

Daneben steht ein Offizier der Truppen des Innenministeriums, er wurde in Leningrad geboren. Im Winter wurde er in der Absperrung auf dem Maidan eingesetzt. Schnell wird klar: Er und seine Untergebenen werden jene Dienstwochen so schnell nicht vergessen. Die Vergangenheit ist noch in ihren Gedanken. Alle, die mit ihm zusammen auf dem Maidan waren, sind heute hier.

"Auf dem Maidan verbrannte man uns, man schoss auf uns. Aber wir sind wie Gendarmen. Die alte Regierung hat uns verraten, jetzt fügen wir uns der neuen Staatsmacht und führen ihre Befehle aus", sagt der Offizier. "Wie unterscheiden sich die Menschen in Slowjansk von denen, die auf dem Maidan Gebäude besetzten?" "Es gibt eigentlich keinen Unterschied, jetzt werden wir die Befehle der neuen Staatsmacht ausführen. Wobei, tief in meinem Inneren habe ich das Gefühl …" Der Offizier schiebt eine Hand unter die Splitterschutzweste und verstummt. "Werden Sie auf Menschen schießen, wenn es einen Befehl gibt?" "Ich glaube nicht. Aber wenn sie auf meine Leute schießen, schießen wir natürlich zurück."

Soldaten der ukrainischen Armee sind an ihren Transportpanzern zugange, sie beladen sie mit Munitionskisten. Es scheint, sie hätten mehr Kampfgeist als die Truppen des Innenministeriums. "Wir sind bereit, die Separatisten anzugreifen, die Gebäude besetzt haben", sagen sie. "Hauptsache, keine Zivilisten kommen zu Schaden." Doch als man ihnen erzählt, dass Hunderte Zivilisten sich auf Abruf vor besetzen Gebäuden versammeln, verfinstern sich ihre Mienen, sie fangen an, zu fluchen. "Wie wollt ihr eine Stadt einnehmen, voll mit Leuten mit Maschinenpistolen?" "Es gibt keine unerfüllbaren Aufgaben", sagt munter ein Soldat und lächelt. "Ich weiß nicht, wir führen doch nur Befehle aus. Vielleicht sind wir hier Kanonenfutter", meint ein anderer düster. Untereinander sprechen die Soldaten Russisch, sie erzählen, dass sie aus unterschiedlichen Oblasten kommen. Ungefragt bestätigen sie: "Wir kommen aber alle aus der Ukraine!"