ZEIT ONLINE: Herr Rjabtschyn, in einigen Städten der Ostukraine haben Separatisten Verwaltungsgebäude besetzt. Sind dies Ukrainer oder Russen?

Alexej Rjabtschyn: Sowohl als auch. Es gibt keinen Zweifel, dass russische Spezialeinheiten an den Besetzungen beteiligt sind. Sie sprechen Russisch, tragen russische Uniformen und ein Kalaschnikow-Modell, das die russische Spezialeinheit Speznas verwendet.

ZEIT ONLINE: Was macht diese Einheit?

Rjabtschyn: Es ist eine mobile und schnell agierende Eingreiftruppe, die helfen soll, möglichst viele Städte in der Ostukraine zu besetzen. Sie agiert immer nach demselben Muster: Ihre Mitglieder kommen in eine Stadt, stürmen Posten der Miliz und Verwaltungsgebäude. Anschließend besetzen 30, 40 bewaffnete prorussische Kollaborateure das Gebäude. Dann zieht die Spezialeinheit weiter in die nächste Stadt. 

ZEIT ONLINE: Erst wurden strategisch wichtige Städte wie Donezk, Horliwko, Luhansk und Slawjansk besetzt. Wo agieren Separatisten noch?

Rjabtschyn: Auch Mariupol, Makiika, Kramatorsk, Druschkika oder Jenakijewe sind schon besetzt. Insgesamt wahrscheinlich schon zehn Städte in der Provinz. Die Aktion ist systematisch. Alle bedeutenden Städte der Ostukraine sollen eingenommen werden.

ZEIT ONLINE: Wieso greift die ukrainische Armee nicht ein?

Rjabtschyn: Die Regierung aus Kiew setzt auf Diplomatie. Die ukrainische Polizei hat keinen Schießbefehl bekommen. Wenn die Armee zum Einsatz kommen sollte, wird es ein heikler Einsatz, denn die Aufständischen haben Frauen überredet, sich zu ihnen zu gesellen. Sie eröffnen das Feuer und schützen sich mit menschlichen Schutzschilden. Das ist in Slawjansk passiert, als Unterhändler der ukrainischen Regierung mit den Separatisten verhandeln wollten. Dabei wurde ein Offizier des ukrainischen Geheimdienstes getötet.

ZEIT ONLINE: Wie viele Ostukrainer unterstützen die Separatisten?

Rjabtschyn: Das ist schwer zu sagen. Etwa ein Drittel der Ostukrainer ist prorussisch eingestellt. Aber von ihnen will nur ein kleiner Teil tatsächlich zu Russland gehören. Die Mehrheit will engere Beziehungen zu Russland, etwa durch Beitritt zur russischen Zollunion. Diese Leute eint allerdings die Angst vor dem Maidan, vor antirussischer Stimmung, vor Benachteiligung der Russen in der Ukraine. Und Russland instrumentalisiert diese Angst.

ZEIT ONLINE: Der ukrainische Präsident Turtschinow hat ein Referendum in Aussicht gestellt, in dem die Ukrainer über die Zukunft der Ostukraine abstimmen sollten. Was halten die Menschen im Osten der Ukraine davon?

Rjabtschyn: Laut Umfragen würden 60 Prozent für den Verbleib in der Ukraine stimmen. Mit dem Vorschlag hat die Regierung in Kiew Dialogbereitschaft gezeigt, ohne ernsthaft eine Abspaltung zu riskieren. Die Frage ist aber, wie man ein Referendum durchführen soll, wenn russische Panzer an der Grenze stehen und russische Spezialeinheiten im Land sind. Und natürlich gibt es die Gefahr der Manipulation: Prorussische Politiker könnten die Wahlergebnisse fälschen. Entweder weil Moskau sie besticht, oder weil sie sich von der Abspaltung von der Ukraine etwas versprechen.