Russlands Präsident Wladimir Putin sollte nach Ansicht der Bundesregierung keine Vollmacht mehr haben, militärisch in der Ukraine einzugreifen. Moskau sei aufgerufen, "ein Ende der Ermächtigung des Präsidenten" durch das Parlament für ein militärisches Eingreifen in dem Nachbarland herbeizuführen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. 

Russland müsse zudem "den militärischen Druck durch Truppenmassierungen an der Grenze" beenden. Man sehe die Vorkommnisse in der Ukraine mit zunehmender Sorge. "Alle Verantwortlichen sind aufgerufen, ihren Beitrag zur Stabilisierung, zur Deeskalation zu leisten", so Seibert.

Erst Anfang März hatte sich Putin von den Abgeordneten die Befugnis für eine militärische Intervention erteilen lassen. Daraufhin hatte die Regierung an der Ostgrenze der Ukraine zehntausende russische Soldaten stationiert.      

Indes hat sich Russland erstmals zu direkten Gesprächen mit der Ukraine bereit erklärt. Moskau könne sich Gespräche vorstellen, "in dem die Europäer, die Vereinigten Staaten, Russland und die ukrainische Seite vertreten sind", sagte Außenminister Sergej Lawrow. Die russische Regierung wünsche aber, dass daran auch "der Süden und Osten der Ukraine" beteiligt würden. Diese Regionen gelten als prorussisch.

Bisher hat Russland direkte Gespräche mit der Begründung abgelehnt, die proeuropäische Regierung in Kiew sei illegitim. Die Europäische Union und die USA dringen seit Langem darauf, dass Moskau einen direkten Dialog mit der neuen Führung in Kiew aufnimmt. So sollen die Spannungen zwischen beiden Ländern auf friedlichem Wege beigelegt werden.  

In den vergangenen Tagen hat es im Osten der Ukraine immer wieder prorussische Proteste gegeben. Demonstranten hatten Verwaltungsgebäude in Donezk, Charkiw und Lugansk gestürmt und russische Flaggen gehisst. Sie fordern die Abspaltung ihrer Regionen von der Ukraine. Ukrainische Polizeikräfte gingen gegen die Demonstranten vor, es gab Dutzende Festnahmen. Russland wertete den Einsatz als Vorbereitungen militärischer Maßnahmen und warnte vor einem Bürgerkrieg.

Der Übergangspräsident der Ukraine, Olexander Turtschinow, warnte erneut, im Osten der Ukraine solle das Schema der Abspaltung der Krim wiederholt werden. Ungeachtet der Warnung aus Moskau ging die ukrainische Regierung deshalb auch am Dienstag weiter gegen die prorussischen Demonstranten vor. In Charkiw wurde nach Angaben von Innenminister Arsen Awakow die Innenstadt abgeriegelt und die U-Bahn gesperrt. In Luhansk und Donezk waren Gebäude der regionalen Verwaltungen weiterhin besetzt.

Nato warnt Russland vor "historischem Fehler"

Die US-Regierung wirft Russland vor, hinter den Protesten zu stehen. Der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Jay Carney, sagte, es gebe "starke Beweise" dafür, dass einige der prorussischen Demonstranten in der Ostukraine nicht aus der Gegend stammten und bezahlt worden seien. In einem Artikel für den britischen Guardian konterte der russische Außenminister Sergej Lawrow, der Westen würde die Spannungen grundlos aufschaukeln. US-Außenminister John Kerry und Lawrow vereinbarten, innerhalb der nächsten zehn Tage ein Treffen zu erwägen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte Russland auf, mäßigend auf die prorussischen Kräfte einzuwirken, damit diese "von jeder Gewaltanwendung Abstand nehmen".

Die Nato erhöht unterdessen den Druck auf die russische Regierung. Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen warnte vor einer weiteren Intervention in der Ukraine. Moskau dürfe keine "Eskalation" der Situation im Osten des Landes herbeiführen, sagte er bei einem Besuch in Paris. Es wäre ein "historischer Fehler", sollte Russland nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim "weiter in der Ukraine intervenieren". Dies würde Russland international weiter isolieren.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nahm die Situation in der Ukraine zum Anlass, um Europa zu weiteren Reformen aufzurufen. Die Krise in der Ukraine sei ein "weiterer Weckruf", sagte Schäuble im Bundestag. Europa müsse seine Probleme angesichts solcher Herausforderungen entschlossen angehen.

Krise treibt Goldpreis in die Höhe

Der russische Konzern Gazprom teilte mit, dass die Zahlung der Ukraine in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar für Gaslieferungen überfällig sei. Gazprom ließ jedoch zunächst die Folgen offen.

Auf den Finanzmärkten lösten die Entwicklungen neue Sorgen aus. Anleger setzten auf das als krisensicher geltende Gold und trieben den Preis in die Höhe. Gold verteuerte sich bis zum Mittag um ein Prozent auf 1.309,26 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm).