Der OSZE-Sondergesandte für die Ukraine hat sich beunruhigt gezeigt über die Lage im Osten des Landes. Die Berichte, die seine Organisation von dort erhalten habe, seien "sehr besorgniserregend", sagte der Schweizer Diplomat Tim Guldimann in Kiew. Das ukrainische Außenministerium habe deshalb noch einmal darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, mehr internationale Beobachter zu schicken, sagte Guldimann.

"Wir haben die ersten OSZE-Beobachter vor Ort, und sie schreiben tägliche Berichte über die Zwischenfälle." Dies bedeute, dass die internationale Gemeinschaft endlich Augen und Ohren vor Ort habe. "Ich glaube, das wirkt stabilisierend", sagte Guldimann.

Die ukrainische Regierung drohte den prorussischen Separatisten im Osten des Landes unterdessen mit dem Einsatz von Gewalt. Die Demonstranten errichteten in mehreren Städten Barrikaden und bewaffneten sich mit Brandbomben. Innenminister Arsen Awakow sagte, die Konfrontation in den Städten Lugansk, Donezk und Charkiw müsse in den nächsten zwei Tagen beendet werden. "Ich will wiederholen, dass es zwei Optionen gibt", sagte er. "Eine politische Lösung durch Verhandlungen und die Anwendung von Gewalt." Er fügte hinzu: "Wir sind zu beiden Optionen bereit." 

Merkel fordert Aufstockung der OSZE-Mission

Am Vormittag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert, dass die OSZE-Beobachtermission in der Ukraine wie zugesagt von 100 auf 500 Personen aufgestockt wird. Mit Russland und der ukrainischen Führung war vereinbart worden, dass die Beobachter in verschiedenen Landesteilen eingesetzt werden – allerdings nicht auf der Krim.

Als zentrale Aufgabe der Regierung in Kiew bezeichnete Guldimann eine Dezentralisierung. Dies sei nicht nur eine Forderung in der Ost-Ukraine, wo viele russischstämmige Ukrainer leben, sondern auch im Westen des Landes. "Lokale und regionale Vertreter verlangen eine stärkere Einbeziehung in politische Prozesse und wollen auch über öffentliches Geld mitentscheiden." Wenn die ukrainische Regierung darauf eingehe, wäre dies laut Guldimann ein wichtiger Punkt zur Stabilisierung des Landes.

Medwedew nutzt Gaslieferungen zu weiteren Drohungen

Neben der militärischen Drohkulisse Russlands an der Grenze zur Ukraine setzt die Regierung in Moskau die Ukraine auch wirtschaftlich weiter unter Druck. Ministerpräsident Dmitri Medwedew sagte, der Staatskonzern Gazprom könne die Ukraine künftig nur noch nach Vorauszahlung beliefern. Präsident Wladimir Putin sagte aber, er habe Gazprom angewiesen, von dem Schritt vorerst abzusehen und eine Lösung über Verhandlungen zu suchen.

Die Ukraine bezieht etwa die Hälfte ihres Erdgases aus Russland. Erst in den vergangenen Tagen hatte Gazprom den Gaspreis für das Nachbarland um 80 Prozent auf 485 Dollar je 1.000 Kubikmeter angehoben. Zum Vergleich: In Europa sind 370 bis 380 Dollar fällig. Nach Darstellung von Gazprom hat die Ukraine inzwischen Gas-Schulden in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar.

Die russische Regierung bemühte sich, Ängste vor einem Militäreinsatz in der Ukraine zu zerstreuen. "Die USA und die Ukraine haben keinen Grund zur Sorge", teilte das Außenministerium in Moskau mit. Es gebe an der Grenze zum Nachbarland keine ungewöhnlichen Aktionen, die von militärischer Bedeutung seien. Am Dienstag hatte Russland noch von der Gefahr eines Bürgerkriegs in der Ukraine gewarnt. Die Regierung in Kiew beschuldigt Russland, das Land zerschlagen zu wollen.

US-Außenminister John Kerry hat Russland vorgeworfen, die Unruhen in der Ukraine mit Agenten angezettelt zu haben, um einen Truppeneinmarsch zu rechtfertigen – nach dem Vorbild der Krim. Russland betrachtet die Halbinsel inzwischen als Teil des eigenen Landes. Die Ukraine und der Westen werten die Eingliederung als Verstoß gegen das Völkerrecht.