Bei der Parlamentswahl in Ungarn am heutigen Sonntag ist die rechte Fidesz-Partei klarer Favorit. Schon jetzt hat die Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán eine Zweidrittelmehrheit im Parlament. Eine dritte Amtszeit Orbáns gilt als sehr wahrscheinlich. In Umfragen kommt die Regierungspartei auf 47 bis 51 Prozent der Stimmen. Etwa 8,2 Millionen Ungarn sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben.

Der Regierungschef gab sich vor der Abstimmung siegesgewiss. "Ich weiß, dass wir die Favoriten sind", sagte er bei einer letzten Wahlkampfveranstaltung. Nach der Abgabe seiner eigenen Stimme sagte der 50-Jährige in Budapest, er hoffe auf eine hohe Wahlbeteiligung und damit auf ein starkes Mandat für die künftige Regierung.

Offen ist, ob sein Bund Junger Demokraten (Fidesz) wie schon vor vier Jahren eine Zweidrittelmehrheit erringen wird. Diese Mehrheit würde ihr ermöglichen, alle Gesetze ohne Rücksicht auf andere Parteien allein zu beschließen und somit allein die Verfassung zu ändern.

Das oppositionelle Mitte-links-Bündnis liegt bei nur 23 bis 28 Prozent, dicht gefolgt von der antisemitischen und rechtsextremen Jobbik-Partei. Sie geriet auch durch ihre verbalen Attacken gegen die Minderheit der Roma in die Kritik. Unter ihrem Chef Gabor Vona zog die Partei 2010 mit 17 Prozent der Wählerstimmen ins Parlament ein. Meinungsumfragen sagen Jobbik (Die Besseren) für diese Wahl ähnliche Erfolge voraus.

Die Parlamentswahlen sind die ersten, seit am 1. Januar 2012 eine neue Verfassung gilt. 2013 trat in Ungarn auch ein neues Wahlgesetz in Kraft. Demnach werden nur noch 199 Abgeordnete ins Parlament gewählt, vorher waren es 386. Politiker der EU hatten die Verfassungsreform und ihren Urheber Viktor Orbán scharf kritisiert. Sogar ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn wurde in Erwägung gezogen.

Populistische und nationalistische Rhetorik

Orbán, der 1988 mit einigen oppositionellen Studenten die Protestorganisation Fidesz gründete, übernahm 1998 zum ersten Mal das Amt des Regierungschefs. Auf seine erste Legislaturperiode folgten acht Jahre linker Regierung. In dieser Zeit musste Ungarn mit Krediten des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Europäischen Union vor der Pleite gerettet werden. 2010 kehrte Orbán in das Amt des Regierungschefs zurück.

Der Jurist Orbán gibt sich volksnah, kritisiert die Globalisierung und die wachsende Macht Asiens und verspricht das "Ende der Banken-Ära". Er machte sich bei den Wählern durch eine Senkung der Steuern sowie der Energiepreise beliebt. In der Europäischen Union (EU) ist er dagegen wegen seiner Finanz- und Medienpolitik umstritten. Unter ihm könne Ungarn bis 2018 "das am stärksten industrialisierte Land Europas" werden, sagte er kürzlich. Trotz populistischer und nationalistischer Rhetorik hat eine Mehrheit des ungarischen Volks Orbáns Politik bislang gutgeheißen.

In den vergangenen vier Jahren verstaatlichte Orbán die Pensionsfonds und stützte den Arbeitsmarkt mit groß angelegten Arbeitsprogrammen. Er sicherte sich Einflusssphären, indem er Kompetenzen zur Regierung verlagerte. Die Bildungspolitik wurde im vergangenen Jahr zentralisiert, die Zentralbank arbeitet eng mit der Regierung zusammen, in der Kulturpolitik wurden "Kommissare" eingerichtet. Sie sollen dafür sorgen, dass Kultur nur gefördert wird, wenn sie nationalen Werten entspricht.

Erste Ergebnisse von Nachwahlbefragungen werden kurz nach Schließung der Wahllokale um 19 Uhr erwartet. Mit ersten aussagekräftigen Teilergebnisse wird gegen 22 Uhr gerechnet.