Auf einem Video aus den achtziger Jahren ist ein junger, gut aussehender Mann zu sehen, mit einem offenen Gesicht, großen Augen und vollen Lippen. Nein, in die Politik wolle er niemals, sagt der eloquente Student dort über seine Zukunftspläne – und gründet dann doch kurz darauf mit Kommilitonen eine eigene politische Gruppe, den Fidesz. Als junge ungarische Oppositionelle wurden sie in der Wendezeit von allen bewundert: "Sie waren angriffslustig, sie trieben die alten Kader genüsslich vor sich her, sie waren kompromisslos liberal damals", erinnert sich ein politischer Gegner von einst.

Und der 25-jährige Viktor Orbán vorneweg, der begnadete junge Redner, der scharf und aggressiv sein konnte. Er war von Anfang an der Charismatiker und traf den Nerv des Publikums. Er war das politische Talent seiner Generation. Damals waren alle davon überzeugt, dass diese jungen Männer einmal die ungarische Politik prägen würden. Nur wie, dass ahnten selbst enge Freunde nicht voraus.

In Europa überwiegt die Verwunderung oder gar Entgeisterung über das, was in Ungarn geschieht. Die Nachrichten der vergangenen vier Jahre zeigten ein Land, das irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist: Der Regierung ist die Macht wichtiger als demokratische Werte, faschistische Künstler wurden rehabilitiert, Rechtsradikale trumpfen unverhohlen auf. Und einer scheint fürs Ganze zu stehen: Wann immer über Ungarn berichtet wird, liest man Orbán. Und sieht einen missgelaunten, kompakten Mann, meist vor einer ungarischen Flagge, das Bild des bulligen Demokratiefressers.

In Europa gibt es viel verqueren Nationalismus, es gibt Länder mit mürben Parteienlandschaften und Premiers mit autokratischen Tendenzen. Aber Ungarn ist seit vier Jahren ganz unten auf der politischen Skala und hat einen Premier, der seine Politik auch noch erfolgreich und selbstbewusst vertritt. Ist er nun ein Autokrat, ein radikaler Nationalist oder der Vorbote einer autoritären Demokratie?

In Ungarn gibt es meist einen Verteidigungsreflex: So extrem ist er doch gar nicht, Vorsicht mit leichtfertigen Urteilen über ihn (und die Ungarn, denn die haben ihn ja mit großer Mehrheit gewählt)! Es wäre in der Tat falsch, nach Kategorien für Orbán zu suchen, denn sie treffen nie ganz zu. Aber er zwingt sich seinem Land auf, mit dem Selbstvertrauen eines Auserwählten, und es sieht ganz danach aus, dass er bei der Wahl am 6. April wiedergewählt wird.

"Revolution mit demokratischen Mitteln"

Die politischen Konzepte des Fidesz kommen nicht aus einer parteipolitischen Tradition, Orbán hat sie sich abgeguckt: Aus der liberalen Studentenbewegung formte er 1994 eine rechtskonservative Partei. Obwohl kein besonders gläubiger Calvinist, begann er, das christliche Erbe seines Landes weidlich zu nutzen. Orbán ist ein guter politischer Adept und Machttechniker. Dass man Wahlen gewinnt, indem man das Volk spaltet, ließ er sich von Leuten aus den USA sagen, die die Republikaner beraten. Sein Erfolg beruht auf den Erfahrungen anderer, die er zusammenwürfelt, je nachdem was gerade passt.

Illusionen über eine echte politische Haltung macht man sich in Osteuropa generell nicht. Zu groß war die Enttäuschung nach der Wende. Die alten Kader gründeten unter neuen Namen linke Parteien, viele von ihnen machten sich bei den Privatisierungen die Taschen voll. Es setzte sich eine kleine gesellschaftliche Elite fest, die bis heute großen Einfluss ausübt. In Osteuropa ist so fast überall eine Demokratie entstanden, die von Klientelismus geprägt ist. Es schwingt bei den Bürgern daher meist Zynismus mit, wenn von der liberalen Demokratie die Rede ist. In dieser Atmosphäre wird auch Orbán politisch groß und beobachtet seine Gegner sehr genau. Als die Sozialisten 1994 wieder in der Mehrheit waren und alte Seilschaften das neue Ungarn unter sich aufteilten, wollten Orbán und seine Freunde nur eins: das, was die verhassten Linken haben, die Macht und den Einfluss.

Die Ungarn haben Orbán trotz seiner auffällig aggressiven Rhetorik einen Vorschuss gegeben. Denn aus ihm ist noch immer der unbeugsame Revolutionär zu hören, als der er seine Karriere begonnen hatte. Der von einer neuen Zeit redet und die alten Verhältnisse (zu denen er schon einmal als Ministerpräsident beigetragen hatte) verteufelt. Er sprach bei seinem überwältigenden Wahlsieg vor vier Jahren jedenfalls ein Bedürfnis an: Die Ungarn wollten endlich das Selbstvertrauen zurückgewinnen, das ihnen in den Jahren zuvor verloren gegangen war. Er kündigte eine "Revolution mit demokratischen Mitteln" an, eine Transformation der Nation, jetzt endlich das, was seit 1989 ausgeblieben war. Daher eine neue Verfassung. Viele hätten sich damit sogar anfreunden können. Orbán hätte die Chance gehabt, das Volk zusammenzuführen und nach den Jahren der Spaltung sein politisches Talent ins Positive zu wenden.