Vor zwei Monaten beklagte der finnische Außenminister Alexander Stubb in einer Rede in London, dass Großbritannien eines der zivilisiertesten Länder der Welt sei, in dem aber eine der unzivilisiertesten Debatten über die Europäische Union stattfände. Um zu verstehen, was der konservative und als sehr anglophil geltende Politiker damit meint, lohnt sich ein Blick auf die Wahlplakate der UK Independence Party (UKIP).

Das erste Plakat zeigt einen bettelnden Bauarbeiter, der Slogan suggeriert, dass die durch die EU ermöglichte unbegrenzte Zuwanderung billiger Arbeitskräfte die britischen Arbeiter hart träfe. Ein weiteres Plakat macht darauf aufmerksam, dass 26 Millionen Europäer derzeit stellungslos seien, und fragt rhetorisch, hinter wessen Jobs diese Arbeitslosen denn wohl her seien.

Laut Eurostat gibt es in der EU derzeit in der Tat rund 25,7 Millionen Arbeitslose. Abgesehen von den Bürgern Kroatiens, für die die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit bislang nicht gilt, könnten theoretisch tatsächlich alle diese Arbeitslosen versuchen einen Job in Großbritannien zu finden. Das erscheint jedoch eher unwahrscheinlich, und zumindest der angekündigte Ansturm von Rumänen und Bulgaren, die erst seit Anfang des Jahres in der gesamten EU nach Arbeit suchen dürfen, ist ausgeblieben.

Es ist richtig, dass der Anteil der EU-Ausländer an der britischen Arbeitnehmerschaft in den letzten Jahren gewachsen ist und deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt. Waren es 2007 noch 3,5 Prozent der Arbeitnehmer, so ist dieser Anteil bis 2013 auf 5 Prozent gestiegen. Der EU-weite Anteil wuchs im gleichen Zeitraum von 2,5 Prozent auf 3,3 Prozent. In Deutschland lag der Anteil der EU-Ausländer 2007 bei 3,7 Prozent und wuchs bis 2013 auf 4,4 Prozent.

Zusammenhang zwischen EU-Immigration und britischer Arbeitslosigkeit?

Aber bedeutet der Anstieg von Arbeitnehmern aus dem EU-Ausland in Großbritannien, dass sich die Chancen für britische Arbeitnehmer verschlechtert haben? Im Gegensatz zu Deutschland ermöglichte die britische Regierung den Bürgern der neuen EU-Mitgliedstaaten bereits im Jahr 2004 in Großbritannien nach Arbeit zu suchen. Das führte auch tatsächlich zu einem signifikanten Anstieg der Immigration aus diesen Ländern. Nichtsdestotrotz blieb die britische Arbeitslosigkeit von 2004 bis Mitte 2008 relativ konstant. Anschießend begann sie zwar zu steigen, gleichzeitig ging aber auch die Zuwanderung aus den osteuropäischen Mitgliedsstaaten etwas zurück.

Gibt es also einen Zusammenhang zwischen der Immigration aus der EU und der britischen Arbeitslosigkeit? Oder waren die steigenden Arbeitslosenzahlen eher auf die Finanzkrise zurückzuführen? Eine Untersuchung des Migration Advisory Council der britischen Regierung aus dem Jahr 2012 erkannte keinen "statistisch relevanten Zusammenhang" zwischen Zuwanderung und Arbeitslosigkeit. Dies wurde durch einen  Bericht des National Institute of Economic and Social Research weitgehend bestätigt. Demnach wirke sich EU-Immigration wenn überhaupt nur geringfügig auf die Jobchancen von niedrigqualifizierten Arbeitnehmern aus, auf die durchschnittliche Arbeitslosigkeit habe sie aber keinen Einfluss.

Die beiden Plakate lassen sich damit nur schwer rechtfertigen. Interessanterweise ist der junge Mann, der auf dem Plakat das britische Opfer europäischer Arbeitnehmer spielt, eigentlich Irländer. Und mindestens einen Job hat Nigel Farage, der Chef der UK Independence Party, seinen britischen Mitbürgern persönlich weggenommen: Er beschäftigt seine deutsche Frau als persönliche Assistentin.