Die Schlacht ist noch nicht geschlagen, doch an einem Sieg des ehemaligen Feldmarschalls kann es keinen Zweifel geben: In jedem Winkel Ägyptens ist Abdel Fattah al-Sissi auf Plakaten präsent, auch wenn er sich kein einziges Mal leibhaftig vor seine Wähler traute. Die besten PR-Leute des Landes standen dem früheren Armeechef zur Seite; Militär, Polizei, Justiz und die regimefreundliche Presse feierten den 59-Jährigen als Retter der Nation. Sein Gegenspieler, der Linkspolitiker Hamdeen Sabahi, konnte sich kaum Gehör verschaffen. Ihm fehlte es an Geld, seine Plakate haben Seltenheitswert und kübelweise schütteten die linientreuen Medien ihren Müll über den Oppositionspolitiker.

Und trotzdem könnte der neue starke Mann Ägyptens bei den Wahlen am Montag und Dienstag eine Abfuhr bekommen. Denn ausschlaggebend ist nicht so sehr die Höhe seines Sieges, sondern auf welchen Rückhalt der Favorit Sissi zählen kann. Vor allem die Wahlbeteiligung wird zeigen, wie groß die Zustimmung der Ägypter zum forschen und gleichsam rätselhaften Ex-General wirklich ist. Die Latte liegt bei mindestens 50 Prozent Wahlbeteiligung, seit der gestürzte Mohammed Mursi als erster frei gewählter Staatschef ins Amt kam.

Ein nennenswertes Wahlprogramm hat Sissi gar nicht erst vorgelegt, doch wird der Politikneuling ohne Uniform bald Farbe bekennen müssen. Die Dämonisierung aller Andersdenkenden in Ägypten hat dem Ansehen in der Welt schwer geschadet. Jede Auslandsreise Sissis, abgesehen von Geldkoffer-Reisen an den Golf, könnte zu einem heiklen Manöver werden. Denn die neuen Machthaber sitzen trotz ihrer beispiellosen Unterdrückungskampagne alles andere als fest im Sattel. Der Rückhalt der Muslimbruderschaft liegt bei mindestens einem Viertel der Bevölkerung, das Land ist stärker polarisiert als je zuvor. Und die messiasähnliche Verehrung Sissis kann sich schnell wieder legen. Selbst enge Verbündete bezweifeln hinter vorgehaltener Hand, ob sich der ehemalige General die nächsten vier Jahre auf dem Präsidentensessel halten kann.

Junge Ägypter misstrauen Sissi

Sissis nationalistischem Rausch wird der Kater des Alltags folgen – Arbeitslosigkeit, Energiekrise, Zusammenbruch der Tourismusindustrie, Korruption, Flächenstreiks, politische Dauerproteste sowie das absurde Sieben-Millionen-Heer überflüssiger Beamter. Der Kampf um Macht und Machterhalt könnte aber alle Kräfte des Landes auf Jahre absorbieren, die so dringend für Ägyptens wirtschaftliche Erholung gebraucht würden. Gleichzeitig werden Polizei und Justiz ihr Willkürregiment weiter verschärfen – gnadenloser und rücksichtsloser als selbst zu Mubaraks Zeiten.

So könnte die aus Angst schweigende Opposition am Nil inzwischen breiter sein als auf den ersten Blick erkennbar. Vor allem die jungen Leute misstrauen Sissi. Für sie personifiziert er die Rückkehr des Mubarak-Systems mitsamt seiner Medienhetzer und arrivierten Wirtschaftsbosse, denen eine leblose und autoritäre Politlandschaft die besten Geschäfte garantiert.

Die Jungen fühlen sich ausgegrenzt, von den Alten wieder einmal übertölpelt – die Tahrir-Revolution liegt zertrampelt am Boden. Ihre Wortführer sitzen im Gefängnis und immer weitere werden verurteilt. Deshalb rief die Demokratiebewegung 6. April zusammen mit diversen Linksparteien zum Boykott der Abstimmung auf, genauso wie die aus dem öffentlichen Leben verbannte Muslimbruderschaft. Darüber hinaus könnte Ägyptens frustrierter Nachwuchs erneut, wie beim Verfassungsreferendum im Januar, den Präsidentenwahltag einfach millionenfach ignorieren – und damit dem künftigen Präsidenten Sissi zumindest das demokratische Gütesiegel für seinen Putsch vor einem Jahr verweigern.