Ausgerechnet an seinem Geburtstag bekam Pawel Besuch vom belarussischen Geheimdienst KGB – am 24. April. "Sie haben mir klar gemacht: Entweder ich verlasse Minsk sofort, oder ich komme ins Gefängnis." Also ging er. In einer Kleinstadt 100 Kilometer östlich gräbt Pawel jetzt mit seinem Vater die Kartoffeläcker um.

Der 26-Jährige ist als "Stofftier-Aktivist" schon lange bei den Behörden aktenkundig. Vor einem Minsker Regierungsgebäude hatte er Plüschbären und andere Figuren aufgestellt, die auf ihren kleinen Schildern unter anderem Pressefreiheit und die Freilassung politischer Gefangener forderten – dafür musste er im Jahr 2012 für zehn Tage ins Gefängnis. Insgesamt wurde er schon 16 Mal zu einer sogenannten "Verwaltungshaft" von bis zu 25 Tagen verurteilt. "Ich weiß, dass ich diesmal mehr Glück hatte als andere. Andere Aktivisten wurden nicht vor diese Wahl gestellt", sagt er.

Die belarussische Hauptstadt hat sich schick gemacht in diesen Tagen, Minsk ist Austragungsort der Eishockey-Weltmeisterschaft: Die Fahrbahnmarkierungen sind frisch gestrichen, bunte Tulpenbeete säumen die Straßen in der Innenstadt, in der U-Bahn gibt es erstmals Durchsagen auf Englisch. Doch hinter der freundlichen Fassade hat Präsident Alexander Lukaschenko die Zivilgesellschaft in eine neue Eiszeit gezwungen, sein erstes Großereignis will er nicht von Protesten trüben lassen: 30 Aktivisten wurden in den vergangenen Tagen wegen "kleinen Rowdytums" und "Widerstands gegen die Staatsgewalt" zu Haftstrafen verurteilt – ohne dass es überhaupt eine Aktion gegeben hätte. Hunderte Menschen wurden vom KGB verhört, eingeschüchtert oder zum Verlassen der Hauptstadt aufgefordert.

Eine Amnestie für politische Gefangene – wie zuletzt in Russland die Freilassung Michail Chodorkowskis vor den Olympischen Spielen in Sotschi – diese Mühe machte sich die Regierung nicht: Der Menschenrechtler Ales Bjaljazki, der ehemalige Präsidentschaftskandidat Nikolai Statkewitsch und der Chef der Studentenorganisation "Junge Front" Eduard Lobau sitzen weiter im Gefängnis.

Fingierte Vorwürfe, schnelle Festnahmen

Die Eishockey-WM in der "letzten Diktatur Europas", wie Belarus oft genannt wird, ist umstritten. Auch die Intellektuellen des Landes sind gespalten. "Wir sind ein derart isoliertes Land, deswegen halte ich jede Form des Austausches für eine Chance", sagt der Schriftsteller Wiktor Martinowitsch. Das Vorgehen des Regimes hält er für einen strategischen politischen Fehler: "Was ist schon dabei, wenn ein paar Dutzend Aktivisten mit Plakaten herumlaufen? Die Inhaftierungen zeigen aber, dass in Belarus massiv Menschenrechte verletzt werden. Und das ist ein weit größerer Imageschaden als ein paar Demonstranten auf den Straßen."

Der Chef der christdemokratischen Partei BCHD, Witali Rymaschewski, regt sich auf: "Ich sehe keinen konkreten Nutzen der WM, nur realen Schaden für die Aktivisten und deren Angehörige." Eine BCHD-Aktivistin war zuletzt mit einem Plakat "Nein zum Putin-Krieg in der Ukraine" in der Kleinstadt Njaswisch festgenommen worden, eine andere versteckt sich derzeit vor den Behörden. Gegen sie wird ermittelt, weil ihr Handy in der Nähe eines Überfalls auf einen Bankautomaten geortet worden sein soll. Alles fingierte Vorwürfe, sagt Rymaschewski. Außerdem sei das alles viel zu teuer: "Man hätte das Geld für die WM besser in Krankenhäuser stecken sollen."

Aber nicht nur Belarussen sind von den Repressionen betroffen. Ausländer mit einem gültigen WM-Ticket dürfen eigentlich während des Turniers ohne Visum einreisen. Bürgerrechtler und Politiker mit engen Kontakten zur Opposition wurden aber trotz gültiger Karten an der Grenze abgewiesen. Bisher sind die Fälle des schwedischen Bürgerrechtlers Martin Uggla, der norwegischen Politiker Emil André Erstag und Line Nordhaug sowie des polnischen EU-Parlamentariers Marek Migalski bekannt.