Was haben wohl die Bewohner des San-Pietro-Altersheims in Cesano Boscone bei Mailand gedacht, als der Mann im schwarzen Anzug und schwarzen T-Shirt am Freitag die Wohneinrichtung für Alzheimer-Kranke betreten hat? Der Mann – klein, kahlköpfig, nicht viel jünger als die Heimbewohner selbst – hatte es eilig. Er stieg aus einem großen Auto aus und ging gleich durch die Tür. Und das, obwohl einige Dutzende Menschen mit Kameras ihm zuriefen, er solle sich doch umdrehen. Er wurde von mehreren Menschen begleitet, einige in weißen Kitteln, andere im Anzug. Alle wirkten ziemlich nervös.

Eigentlich ist die Atmosphäre im Altersheim schon seit Wochen etwas anders als gewöhnlich. Normalerweise herrscht hier eine getragene Stille: In den Wegen und auf den grünen Flächen, wo die Bewohner ihre Spaziergänge machen, hört man meistens nur das Zwitschern der Vögel. Doch vor einigen Wochen tauchten plötzlich wildfremde Menschen auf, die Fotos machten und Fragen stellten. Daraufhin befahl die Leitung des Altersheims den Mitarbeitern, mit niemandem zu sprechen. Die Handys werden während der Arbeitszeit konfisziert.

Alles dreht sich anscheinend um den Mann im schwarzen Anzug. Einmal die Woche soll er zum San-Pietro-Altersheim kommen, um hier vier Stunden lang wie die anderen freien Mitarbeiter die Bewohner zu pflegen und zu betreuen. Zu Anfang, sagen die Sprecher der Stiftung, die das Altersheim betreibt, soll er von einer erfahrenen Betreuerin begleitet werden. Später wird er selber seinen Dienstpflichten nachkommen müssen. Dazu zählt unter anderem, den Bewohnern beim Essen zu helfen. "Hier läuft alles Schritt für Schritt", erklärt der Direktor des Heims, Massimo Restelli, im Interview mit der Tageszeitung La Repubblica. "Wenn man sich mit Alzheimer-Patienten beschäftigt, ist es so, als ob man ein anderes Land besuchen würde: Man muss lange beobachten und zuhören, bevor man eingreifen kann."

Professor Carlo Alberto Defanti, der ein Exzellenz-Zentrum für Alzheimer in Bergamo leitet, stimmt Restelli zu. "Mit Alzheimer-Patienten muss man sehr vorsichtig sein", sagt Defanti. "Selbst kleine Veränderungen in der Umgebung können den Stresspegel der Patienten deutlich erhöhen. Deshalb müssen die Leiter des Altersheims darauf achten, dass die Patienten vom ganzen Brimborium geschützt bleiben."

"Du gehörst in den Knast!"

Ob das möglich ist? Vor dem Eingang des Altersheims stationieren etwa 200 Journalisten und Kamera-Teams. Auf der anderen Seite der Absperrung einige Dutzend Polizisten. Ein Gewerkschaftler, der gegen die Arbeitsbedingungen im Altersheim protestiert, schafft es, sich unter die Journalisten zu schmuggeln. Als der Mann im schwarzen Anzug aus dem Auto steigt, stürzt er sich nach vorne und schreit: "Du gehörst in den Knast!" Prompt wird er von der Polizei festgenommen und weggeschleppt.

Das kleine Dorf am Stadtrand Mailands hat selten so viel mediale Aufmerksamkeit genossen. Hinter der Absperrung haben zwei lokale Parteien Pavillons aufgerichtet: Sie machen Werbung für ihre Kandidaten zur Bürgermeisterwahl am 25. Mai. Trotz der großen Aufregung, sagen die Stiftungssprecher, haben sich die Angehörigen der Patienten bis jetzt nicht beschwert.

Rumkommandiert und angeschrien werden – wie jeder andere Mitarbeiter

Und der Mann im schwarzen Anzug? Als er nach vier Stunden aus der Tür kommt, sieht er entspannter aus als bei seiner Ankunft. Er winkt sogar den Journalisten zu und sagt mit einem gezwungenen Lächeln, er dürfe leider keine Kommentare abgeben. Der Besuch im Alzheimer-Land scheint ihm wohlgetan zu haben. "Der Tag verlief ohne besondere Ereignisse", erzählt der Radioreporter Franco Ciancia, der zu den wenigen akkreditierten Journalisten gehört, die ins Heim gelassen wurden. "Er ist reingegangen – ohne seine Bodyguards. Dann hat er sich mit Ärzten und Betreuern über die Arbeit im Heim unterhalten. Anschließend hat er sich kurz den Patienten vorgestellt."

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass keiner von den Patienten ihn erkennen wird", sagt Professor Defanti. "Sie werden ihn wie jeden anderen Mitarbeiter behandeln. Das heißt, sie werden ihn womöglich herumkommandieren oder sogar anschreien. Darauf muss er sich einstellen." Für jemanden, der es gewöhnt ist, immer im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen und von Menschen umgeben zu sein, die an seinen Lippen hängen, ist diese eine große Umstellung. Ob er daraus etwas lernen kann? Sein bisheriger Lebensweg lässt nicht darauf schließen.