Die 28-Staats- und Regierungschefs der EU sind sich uneinig darüber, wer neuer EU-Kommissionschef werden soll. Beim Gipfel in Brüssel wurde deutlich, dass es noch keinen Konsens über die Nachfolge von EU-Kommissionschef José Manuel Barroso gibt. Deswegen gaben sie ihrem Vorsitzender Herman Van Rompuy den Auftrag, in den kommenden Wochen mit dem Parlament über die Besetzung des Postens zu beraten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vermied es nach dem Treffen, sich auf den konservativen Spitzenkandidaten und Europawahl-Sieger Jean-Claude Juncker (59) festzulegen. "Ich habe Jean-Claude Juncker als Spitzenkandidaten unterstützt. Das habe ich nach dem Wahltag nicht vergessen", sagte sie. Unter den Staats- und Regierungschefs werde es aber darüber noch Diskussionen geben. "Wir müssen dafür sorgen, dass wir im (Europäischen) Rat gut miteinander arbeiten können." Die Kanzlerin will bis zur Sommerpause eine Entscheidung über den künftigen EU-Kommissionspräsidenten und weitere Brüsseler Personalien erreichen.

Kritik für die abwartende Haltung kam vom liberalen luxemburgischen Premier Xavier Bettel. "Wenn man sich auf einen Spitzenkandidaten geeinigt hat, dann muss man das auch respektieren. Ich habe Schwierigkeiten, draußen zu erklären, dass man sich jetzt nicht einig ist über das Wer, Was und Wo", sagte er.

Juncker als Wahlgewinner kommt nicht automatisch zum Zug. Nach den Gesprächen mit dem Parlament wird Van Rompuy einen Personalvorschlag machen. Das Parlament muss dann dem Kandidaten mit absoluter Mehrheit zustimmen. Als Gegner einer Juncker-Kandidatur gelten der britische Premier David Cameron und der nationalkonservative ungarische Regierungschef Viktor Orbán.  

Die Konservativen wurden bei den Europawahlen am Sonntag die stärkste Kraft mit 213 Sitzen im Parlament. Die Sozialdemokraten landeten auf Platz zwei (191 Sitze). Da Rechtspopulisten und Euro-Skeptiker gestärkt aus der Europawahl gingen, wird eine große Koalition in der Brüsseler Machtzentrale wahrscheinlicher. "Wir wissen, dass keine Parteiengruppe alleine eine Mehrheit hat. Das heißt, es wird darum gehen, eine breite Mehrheit zu finden", sagte Kanzlerin Merkel.

Der EU-Kommissionschef ist nur einer von mehreren Spitzenposten auf EU-Ebene. Dazu gehören der EU-Ratsvorsitzende, der die EU-Gipfel leitet, der EU-Außenbeauftragte und möglicherweise auch ein hauptamtlicher Chef der Euro-Finanzminister.