"Europäische Union": So heißt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia eine U-Bahnstation mit einer monumentalen €-Skulptur aus silbrig glänzendem Metall auf dem Bahnsteig. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso persönlich hat sie im August 2012 enthüllt, als Zeichen für die Verbundenheit des ehemals kommunistischen Landes mit der EU.

Die damalige rechtsgerichtete Regierung war zu der Zeit, als sich die Eurokrise auf ihrem Höhepunkt befand, allerdings bereits von ihrem Plan abgerückt, die Gemeinschaftswährung schnellstmöglich einzuführen. Und auch sonst haben viele Bulgaren Illusionen verloren, die sie mit dem EU-Beitritt 2007 verbanden.

Denn entgegen allen Hoffnungen hat sich ihre Lage trotz einiger Fortschritte seitdem kaum gebessert. Bulgarien ist nach wie vor das – gemessen an der Wirtschaftsleistung – ärmste Land der Gemeinschaft. Wirtschaftlich und sozial liegt es danieder, politisch haben die führenden Parteien jeden Kredit verspielt. Seit Monaten rennen wütende Bürger gegen sie an.

Viele Menschen verlassen deshalb das Land und suchen Arbeit und Auskommen in anderen Mitgliedsstaaten. Dort, vor allem in Großbritannien und Deutschland, hatte die volle Freizügigkeit für Bulgarien und Rumänen seit Anfang des Jahres eine heftige Debatte über die angebliche massenhafte "Armutseinwanderung" ausgelöst, was nicht ohne Rückwirkung auf die Stimmung im Land blieb.

Skepsis und verzweifelte Hoffnung

Als lästig еmpfundene Folgen des EU-Beitritts, wie das Rauchverbot in öffentlichen Lokalen oder eine Abgabe auf selbstgebrannten Schnaps, haben zudem eine kleine, aber lautstarke Gruppe von Europaskeptikern entstehen lassen. Dennoch hegt die große Mehrheit der Bulgaren noch immer weit größeres Vertrauen in die europäischen Institutionen als in ihre eigene, als käuflich und unfähig verschriene politische Elite.

Mehr noch: Nicht wenige richten unverändert ihre Hoffnungen darauf, dass die EU für Veränderungen in ihrem Land und einen Aufschwung sorgt, wenn dies die eigenen Politiker schon nicht schaffen. So schickte eine Initiative "Zukunft für Nordwest-Bulgarien" einen verzweifelten Hilfsappell nach Brüssel. In ihrem offenen Brief bitten Bürger aus der Region die beiden Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionpräsidenten, Jean-Claude Juncker und Martin Schulz, im Falle ihrer Wahl einen "Mini-Marshall-Plan" für ihr Gebiet aufzulegen, das als allerärmstes der EU gilt. Zu den Unterzeichnern gehören der Künstler Galilei Simeonov und der Fußballprofi Martin Petrov, der für den VfL Wolfburg und Manchester City gespielt hat. 

Ein dubioser Medienmogul als Kandidat

Weit entfernt von solchen verzweifelten Initiativen, die Misere in dem Land mit Hilfe der EU zu überwinden, widmen sich die Parteien vor der Europawahl ihren gewohnten Machtspielen. So hat die Partei der türkischen Minderheit im Land "Bewegung für Rechte und Freiheiten" (DPS), die die Regierung unter Führung der postkommunistischen Sozialistischen Partei BSP mitträgt, ausgerechnet jenen Mann als einen der Spitzenbewerber für die Wahl aufgestellt, der Bulgarien im vergangenen Sommer in eine Staatskrise gestürzt hatte: den Medienmogul Deljan Peewski.