Wenige Wochen vor dem 25. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens (Tian'anmen-Platz) geht die chinesische Regierung verstärkt gegen Oppositionelle vor. Am Dienstag wurde der regierungskritische Blogger Xiang Nanfu wegen der angeblichen Verbreitung von Lügengeschichten festgenommen und im Staatsfernsehen vorgeführt. In dem Beitrag des Staatssenders CCTV verliest Xiang ein Geständnis, in dem er sich für sein "kriminelles Verhalten" entschuldigt. Er bedauere zutiefst, dass er die Kommunistische Partei und die Regierung beschmutzt habe.  

In den vergangenen Tagen hatte die Pekinger Polizei bereits mindestens fünf Aktivisten festgenommen und etliche Dissidenten unter Arrest gestellt. Vergangene Woche hatte CCTV in ähnlicher Form demonstrativ das Geständnis der Journalistin Gao Yu vorgeführt. Darin bedauerte die 70-Jährige, dass ihr Verhalten "den nationalen Interessen geschadet" und Gesetze verletzt habe. Sie soll Dokumente mit Staatsgeheimnissen an ausländische Medien weitergegeben haben. Ein Sprecher von Amnesty International bezeichnete die Anschuldigungen hingegen als erfunden.

Dem 62 Jahre alten Xiang wird vorgeworfen, in 1.300 Berichten auf der chinesischsprachigen US-Website boxun.com Lügen über die Kommunistische Partei veröffentlicht zu haben. Unter anderem soll er geschrieben haben, die Regierung würde von lebenden Menschen Organe entfernen und Menschen lebendig beerdigen. 

Boxun, das den 62-Jährigen als einen seiner Journalisten bezeichnete, wies die Vorwürfe zurück. Derartige Berichte habe es nie gegeben, teilten die Betreiber der Website mit. Xian sei vielmehr ein Opfer der jüngsten Bestrebungen Pekings, die Freiheit im Internet massiv einzuschränken. Das Portal, das über regierungskritische Proteste, Menschenrechtsverletzungen und umstrittene Gerichtsprozesse in China berichtet, ist allerdings auch außerhalb Chinas nicht unumstritten, da es häufig keine Quellen nennt und seine Berichte teilweise übertreibt oder auf Gerüchten stützt.

Plattformen wie Boxun und das chinesische Twitter-Pendant Sina Weibo sind in den letzten Jahren zu einem wichtigen Kommunikationsmittel der chinesischen Opposition geworden. Die Regierung in Peking schließt daher immer wieder Blogs und Websites und nimmt unliebsame Autoren fest. Wiederholt wurden zudem die Gesetze verschärft, um die Verbreitung kritischer Berichte zu bestrafen. So drohen Autoren "verleumderischer Botschaften" seit September bis zu drei Jahre Haft, wenn diese 500 Mal weiterverbreitet oder mehr als 5.000 Mal angeklickt wurden.

In den Wochen vor und nach den Jahrestagen des Tian'anmen-Massakers stellt die Polizei in Peking jedes Jahr Dutzende Kritiker unter Hausarrest. In der Nacht zum 4. Juni 1989 hatte die chinesische Armee die studentische Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking blutig niedergeschlagen. Die Soldaten gingen mit Handfeuerwaffen und Panzern gegen die Demonstranten vor, Experten gehen von mehreren Hundert Toten aus. Da das Massaker bis heute von der chinesischen Regierung tabuisiert wird, liegen keine offiziellen Opferzahlen vor.