Es begann Dienstagabend ganz im Süden Vietnams: Tausende einheimische Arbeiter hatten bei antichinesischen Protesten ausländische Firmen in Brand gesetzt, von denen sie annahmen, dass sie von Chinesen geführt würden. Hunderte weitere wurden geplündert. Mehr als 400 Demonstranten wurden laut Polizei festgenommen, insgesamt 19.000 sollen auf die Straße gegangen sein. In der Nacht zum Donnerstag stürmten dann Randalierer in Mittel-Vietnam in der Provinz Ha Tinh die größte Stahlfabrik des Landes – sie ist in taiwanesischem Besitz. Dabei soll es zahlreiche Schwerverletzte gegeben haben, vier chinesische Arbeiter seien gestorben. Viele Chinesen flüchten jetzt aus dem Land.


Bereits am Dienstag waren einige Betriebe von den Ausschreitungen betroffen, die nach Behördenangaben südkoreanische oder taiwanesische Unternehmen sind. "Die Leute dachten, Taiwan sei Teil von China", sagte ein vietnamesischer Polizeisprecher. "Als ihnen erklärt wurde, dass Taiwan etwas anderes ist als China, hörten sie auf." Das taiwanesische Außenministerium riet seinen in Vietnam engagierten Firmen, Schilder mit der Aufschrift "Taiwan" an die Fabriken zu hängen, damit die Mitarbeiter nicht mit Chinesen verwechselt würden, berichtete die taiwanesische Nachrichtenagentur Central News Agency.

Auslöser der Aggressionen gegen Unternehmen aus der Volksrepublik sind die Territorialkonflikte im Westpazifik: China als aufstrebende Macht in der Region streitet mit Anrainern um rohstoffreiche Meeresgebiete. Dabei geht es inzwischen auch schon etwas härter zu. Die beiden aktuellen Kontrahenten Pekings sind Vietnam und die Philippinen im Streit um Gebiete der Paracelsus- und Spratly-Inseln.

Neulandgewinnung in der Spratly-Inselgruppe

Peking hatte am 1. Mai eine Ölplattform in der Nähe der Paracelsus-Inseln aufstellen lassen. Um diese Bohrinsel ist es seitdem wiederholt zu schärferen Scharmützeln zwischen Schiffen Chinas und Vietnams gekommen.

In der ohnehin latent angespannten Stimmung zwischen Peking und seinen pazifischen Anrainerstaaten sind gleichzeitig die Territorialstreitigkeiten mit den Philippinen wieder hochgekommen. Aktuell geht es um das Johnson South Reef in der Spratly-Inselgruppe. Dort würden derzeit Bauarbeiten für eine Landebahn ausgeführt, sagte der philippinische Außenminister Albert del Rosario am Mittwoch. China habe in den vergangenen Wochen zur Neulandgewinnung Maschinen und Erde dorthin gebracht.

Die Philippinen bezeichnen das Riff als Teil ihrer Provinz Palawan. Die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, Hua Chunying, entgegnete darauf, das Johnson South Reef sei Teil des chinesischen Territoriums. "Bauarbeiten auf dem betroffenen Riff auszuführen, fällt unter die Souveränitätsrechte Chinas", sagte sie in Peking. Zwar sei ein echter Stützpunkt dort unwahrscheinlich, meint Militär-Analyst Richard Bitzinger aus Singapur, doch politisch ist es eben ein Signal, dort eine Landebahn hinzusetzen.

Anfang Mai erst hatten die Philippinen ein chinesisches Fischerboot in ebenfalls umstrittenem Gewässer aufgebracht und elf Fischer festgenommen. Allen Warnungen Chinas zum Trotz wurden neun von ihnen am Montag angeklagt. Die staatliche Zeitung China Daily warnte am Dienstag, Manila müsse wissen, dass es einen "unbezahlbaren Preis" zahlen werde, wenn es sich weiter auf die Seite "antichinesischer Kräfte" schlage.