Der Albtraum von Donezk

Im Osten der Ukraine herrscht "Krieg". So sagt es der frisch gewählte Präsident Petro Poroschenko und ist sich darin ausnahmsweise mit den Separatistenführern einig. Die selbst ernannten Gouverneure der Volksrepubliken in Donezk und Luhansk hatten schon am Wochenende den "Kriegszustand" verhängt – wozu ihnen jegliche Legitimation fehlt.

Über die Begriffe lässt sich ohnehin streiten. Reguläre Armeen stehen sich in der Region nicht gegenüber. Die Interimsregierung in Kiew bevorzugt die Bezeichnung "Anti-Terror-Operation". Ukrainische Medien nutzen die verharmlosende Abkürzung ATO. Die Regierung in Moskau wiederum erklärt, in der Ukraine tobe ein "echter Bürgerkrieg".

All diese Etiketten helfen nicht weiter, um zu beschreiben, was sich in den Gebieten Donezk und Luhansk in diesen Tagen tatsächlich abspielt. Sicher ist: Nach der Wahl Poroschenkos hat die Zentralmacht ihren Kampf gegen die prorussischen Separatisten im Osten des Landes dramatisch verschärft. Sie setzt dabei nicht nur Spezialeinheiten der Polizei und die Nationalgarde ein, sondern vor allem militärische Kräfte – bis hin zur Luftwaffe.

Auf der anderen Seite ist weitgehend unklar, wer für die Separatisten den militanten Kampf führt. Nach unterschiedlichen Berichten haben sich desertierte Soldaten der ukrainischen Armee, ehemalige Spezialkräfte der Sonderpolizei Berkut und des Geheimdienstes SBU den Aufständischen ebenso angeschlossen wie Söldner, die aus Russland "einsickern". Ukrainische Medien meldeten in den vergangenen Tagen unter Berufung auf den Grenzschutz wiederholt, Lastwagen mit bewaffneten Kämpfern seien von Osten oder von der annektierten Krim her in das Land eingedrungen. Die Behörden kündigten deshalb eine deutliche Verstärkung der Grenzsicherung an.

Tschetschenen als prorussische Söldner

Unter den Söldnern sollen auch Tschetschenen sein, die dem moskautreuen Präsidenten Ramsam Kadyrow unterstellt sind. Dafür spricht, dass unter den Toten der Gefechte in Donezk am Montag nach Behördenangaben mehrere Männer kaukasischer Herkunft waren. Kadyrow bestritt am Mittwoch eine von seiner Regierung gesteuerte Aktion. "Wenn Tschetschenen in der Ukraine sind, ist das ihre Privatsache", sagte er. Im zweiten Tschetschenien-Krieg hatten ultranationalistische ukrainische Söldner gegen die prorussische Truppe der sogenannten Kadyrowzy gekämpft.

All diese Nachrichten sprechen dafür, dass die Lage im Osten der Ukraine weiter dramatisch eskaliert. Poroschenko hatte nach seiner Wahl am Sonntag angekündigt, die Militäroperationen in der Region zu verschärfen und den "Terroristen nicht in Monaten, sondern in Stunden" das Handwerk zu legen. Die Regierungskräfte treffen auf massive Gegenwehr der separatistischen Milizen.

Was das bedeutet, erfahren die Bürger von Donezk seit Montag am eigenen Leib. Rückblick: Noch in der Nacht nach der Präsidentenwahl besetzen bewaffnete Separatisten den Flughafen der Millionenstadt. Die ukrainische Armee reagiert kompromisslos und entsendet Militärhubschrauber, Kampfjets und Fallschirmjäger. Am Airport entbrennt ein Häuserkampf, der sich am Nachmittag in das dicht besiedelte Gebiet um den Bahnhof der Metropole verlagert.

"Die sind alle wahnsinnig geworden"

Zu diesem Zeitpunkt herrscht dort reger Betrieb. Niemand warnt die Menschen. Niemand kommt auf die Idee, den Zugverkehr einzustellen. Die Separatisten feuern auf einen Hubschrauber, der über dem Bahnhofsgebiet kreist. Mörsergranaten schlagen auf dem Vorplatz ein. Die Menschen flüchten in Panik. Ein Splitter trifft eine Frau am Kopf und reißt ihr große Teile der Schädeldecke weg. Ein Mann wird von einer Kugel getroffen und stirbt ebenfalls.

Wie wenig die gesamte Stadt und ihre Bürger darauf eingestellt sind, zum heißen Kampfgebiet zu werden, zeigen die weiteren Reaktionen an diesem Montag. Die Leichen werden abtransportiert, aber der Bahnhof wird weder gesperrt noch evakuiert. Die Menschen gehen auch nicht von selbst. Es ist, als könnten oder wollten sie all das nicht glauben. Als das Blut auf den Bürgersteigen noch nicht trocken ist, schlagen erneut Granaten auf dem Vorplatz ein. Wieder fallen Schüsse. Die Reisenden flüchten in die Unterführungen. Eine Frau ruft: "Die sind alle wahnsinnig geworden. Das ist doch ein Albtraum!"

Auf die Fortsetzung dieses Albtraums bereiten sich die Stadt und die Bürger seither zunehmend besser vor. Kindergärten und Schulen sind geschlossen. Cafés und Restaurants haben zumindest ihre Terrassen gesperrt. Viele Menschen bleiben von sich aus zu Hause. Dennoch lassen es sich die Separatisten nicht nehmen, am Dienstagabend eine nächtliche Ausgangssperre über die Stadt zu verhängen, "bis sich die Lage normalisiert hat". Es soll ein Zeichen sein, wer in Donezk das Sagen hat.

Bilder tragen nicht zur Beruhigung bei

Vor allem aber lässt der Schritt befürchten, dass es inmitten der Großstadt neue Häuserkämpfe geben könnte. An diesem Mittwoch ist die Lage extrem angespannt. Am Morgen melden die Sicherheitskräfte, sie hätten einen Waffentransport der Separatisten überwältigt. An Bord des Kleinlasters finden sie zehn hochmoderne Panzerfäuste. Später kommt es zu Schusswechseln vor der Geheimdienstzentrale, wie die Agentur Interfax berichtet. Das Gebäude halten die Aufständischen besetzt. Über der Stadt kreisen Kampfflugzeuge. Bürgermeister Alexander Lukjantschenko rät den Menschen, zu Hause zu bleiben und Fenster und Balkone zu meiden.

Auch am Flughafen soll es nach Berichten örtlicher Internetdienste wieder einen Granatbeschuss geben. Die Aufständischen melden eine Rückeroberung, doch die Regierungstruppen dementieren. Sie haben demnach am Airport und am Bahnhof von Donezk die volle Kontrolle. Doch selbst wenn dem so ist: Der zweifelhafte Erfolg vom Wochenbeginn ist nicht nur wegen der zivilen Opfer und der Zerstörungen am nagelneuen Flughafen teuer erkauft. Nach den noch immer nicht eindeutigen Angaben sind bei den Kämpfen mindestens 43 Aufständische getötet worden. Ukrainische Medien präsentieren immer wieder Aufnahmen von aufgehäuften Leichen, die jeden Respekt vor den Toten vermissen lassen. Zur Beruhigung der Lage tragen die Bilder kaum bei.