Diese Europawahl war eine Zäsur. Sie hat den europäischen Einigungsprozess, allem Barmen um das Erstarken der Rechtspopulisten zum Trotz, vorangebracht.

Die Wahl war eine Zäsur, weil es diesmal wirklich um Europa ging – nicht um das Verteilen einzelner nationaler Denkzettel, wie es bei früheren Wahlen zum Europäischen Parlament üblich war.

Denkzettel für die Fehlleistungen der eigenen Regierung wurden natürlich auch diesmal verpasst, in Frankreich zum Beispiel, oder in Griechenland. Aber sie waren nicht das eigentliche Charakteristikum dieser Wahl. Das war vielmehr die Tatsache, dass die Europäer nach fünf Jahren Krisenmanagement – getrennt, und doch gemeinsam – Bilanz gezogen haben.

Getrennt, weil immer noch im nationalstaatlichen Rahmen abgestimmt wird und die Bürger deshalb auch immer die Politiker in der eigenen Hauptstadt benoten – bitterlich enttäuscht in Griechenland, gelassen und ziemlich zufrieden in Deutschland, voller Erwartungen in Italien. Gemeinsam, weil die Parteienfamilien mit gemeinsamen Spitzenkandidaten in einem europaweiten Wahlkampf versuchten, gesamteuropäische Antworten zu geben – vom Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit bis zum Streit um das Freihandelsabkommen mit den USA.

Nach fünf Jahren Krise ist Europapolitik damit endgültig zur Innenpolitik geworden. Man spürte: Bei dieser Wahl ging es um etwas. Deshalb haben in Deutschland auch mehr Bürger abgestimmt als beim letzten Mal. Die Wahl wurde ernst genommen. Völlig zu Recht.

Jetzt werden im Europäischen Parlament neue Fraktionen gebildet, Allianzen geschmiedet, Absprachen getroffen – mit einem Wort: Es wird Machtpolitik betrieben. Zwei Tage nach der Wahl haben sich die Fraktionen hinter Jean-Claude Juncker als neuen Präsidenten der EU-Kommission gestellt – noch bevor die Staats- und Regierungschefs sich am Dienstag beim Abendessen in Brüssel beraten konnten. Die Ansage war klar: Ihr kungelt nicht mehr am Parlament vorbei!

Natürlich mangelt es dem Europäischen Parlament, trotz erweiterter Kompetenzen nach dem Lissaboner Vertrag, noch immer an den vollen gesetzgebenden Kompetenzen der nationalen Parlamente. Und die EU-Kommission ist auch künftig nicht die Regierung Europas. Die eigentliche Macht liegt weiterhin beim Rat der Staats- und Regierungschefs.

Und dennoch beginnt die Wahl vom vergangenen Sonntag eine spannende Dynamik zu entfalten. Das Europäische Parlament will sich nicht länger zum Statisten auf der Brüsseler und Straßburger Bühne degradieren lassen. Auch in Europa geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Es ist das Parlament, das dessen Interessen wahrnimmt.

Die europäische Volksvertretung muss und wird sich zusätzliche Rechte erkämpfen. Eines Tages, sagen wir, in einem Vierteljahrhundert, wird die Wahl zum Europäischen Parlament spannender sein als die Wahl zum Bundestag. Weil sie die wichtigere sein wird. Die Bundestagswahl aber wird das sein, was heute die Landtagswahlen sind – sie vermitteln uns ein warmes Heimatgefühl und bringen uns ansonsten nicht um den Schlaf.

Sagen wir es so: David McAllisters Erben werden in Berlin antreten, Angela Merkels Erbinnen eher in Brüssel.