Vorweg herzliches Beileid all jenen neuen Abgeordneten im Europäischen Parlament, die die nächsten fünf Jahre ihres Lebens damit verbringen wollen, die EU zu schwächen oder den Euro abzuschaffen. Der Unterschied zwischen ihnen und Sisyphos ist, dass Sisyphos immerhin einen Stein hatte, der rollte.  

Die Abgeordneten der britischen UKIP, des französischen Front National, der österreichischen FPÖ oder der deutschen AfD sind nicht einmal Herr über die Mechanik ihres Hassobjektes. Das Europäische Parlament hat sich, was seine Kompetenzen und die der EU überhaupt angeht, an die Regeln zu halten, die die Regierungen in den Hauptstädten erlassen. Nicht einmal über seinen Tagungsort kann es selber entscheiden.  


So viel zur unmittelbaren Gefahr, die vom Erstarken der Rechtspopulisten und EU-Dekonstruktivisten ausgeht.

Und doch wird diese Wahl Europa verändern, ja verändern müssen. Der Vorwurf, der in den Wahlerfolgen von Le Pen, UKIP bis zur AfD steckt, lautet, dass die Europäische Union sich übernommen hat – sowohl innen- wie auch außenpolitisch. So wenig wie Brüssel sich an die Ölkännchen hätte herantrauen sollen, so wenig hätte es in der Ukraine mitmischen dürfen, tönt es. 

Die Wähler können auch anders

Diesen Fundamental-Vorwurf werden die Regierungen auch bei den nächsten nationalen Wahlen zu spüren bekommen. Er macht ihnen Angst, und diese Angst wird ihre Positionen zu Europa verändern. Deswegen ist diese Europawahl – die erste nach der Eurokrise und dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts – anders als alle vorhergehenden gewesen. Sie hat gezeigt, dass die Wähler ganz anders können, wenn die Regierenden hartnäckig nicht anders wollen.

Die Regierenden der EU, in Brüssel wie in den jeweiligen Hauptstädten, werden deshalb ihre Politik völlig neu justieren müssen. Ob sie wollen oder nicht. Ansonsten droht der EU eine ernsthafte Erosion, und zwar nicht nur ideell. Der Ausstieg Großbritanniens könnte die erste dramatische Folge sein.

Die Briten haben wie Wähler in anderen Mitgliedsländern gezeigt, dass sie es leid sind, von Brüssel gegängelt zu werden. Fast jeder dritte britische Wähler kann sich offenbar ein Leben außerhalb der EU vorstellen. In Frankreich wurden die EU-Gegner des Front National von Marine Le Pen gleichfalls stärkste Kraft, genauso wie die eurokritische Dänische Volkspartei. 

Ein "Brixit" wäre eine Katastrophe

Wenn es David Cameron nicht gelingt, die UKIP-Anhänger wieder einzufangen, ist es absolut denkbar, dass der Tory-Premier das für 2017 angekündigte Referendum über den Verbleib seines Landes in der EU verliert. Für die Rest-Union wäre ein "Brixit" eine Katastrophe. Ist das eigentlich allen klar?

Der Kontinent hat sich offensichtlich an die EU-Skepsis der Briten gewöhnt, so sehr, dass er vergessen zu haben scheint, dass Großbritannien keine irgendwie freakige Insel ist, sondern ein wirtschaftlicher, politischer und kultureller Stützpfeiler Europas. Eine EU ohne Großbritannien wäre eine Schneckenhaus-EU. Bieder, protektionistisch, selbstgefällig und ohne ein notwendiges häretisches Korrektiv. Es wäre eine EU zum Davonlaufen. 

Die Kanzlerin ist gefordert

Und genau das würden wahrscheinlich noch mehr Europäer tun, wenn die Briten erst einmal damit anfangen. Die Franzosen könnten damit beginnen, den immer mehr als deutsches Machtinstrument empfundenen Euro abzuschütteln. Scheitert die britische Mitgliedschaft, um es in Abwandlung eines Zitats von Angela Merkel zu sagen, scheitert Europa.

Niemand ist nach David Cameron mehr gefragt dies zu verhindern als die deutsche Kanzlerin. Sie hat überhaupt keine Lust darauf, aber sie sollte sich die Vorschläge ihres britischen Kollegen zur Reform der EU jetzt noch einmal gründlich anschauen – und wohlwollend prüfen.