Auch drei Tage nach den Europawahlen kommt der Wirt des algerischen Cafés mit "traditioneller französischer Küche" in meiner Pariser Straße immer noch nicht über ihr Ergebnis hinweg: "Das ist schlimm, schlimm, schlimm", zürnt der sonst immer gut gelaunte Mann jenem Viertel der französischen Urnengänger, die am Sonntag für den rechtsextremistischen Front National stimmten.

"Noch ist Le Pen nicht an der Macht", sinniert er düster, "aber wer weiß, was in sechs Monaten oder bei den Präsidentschaftswahlen in drei Jahren passiert". Er selbst ist Kind algerischer Einwanderer, seine zwei Kinder sind französische Grundschüler – aber mit der Front-National-Führerin Marine Le Pen an der Macht würde er sich in Frankreich nicht mehr zu Hause fühlen. Seit Sonntag ist dieses Szenario für ihn nicht mehr undenkbar. Umso tiefer sitzt sein Frust.

Hingegen ist der französische Wirt im vielbesuchten Eckcafé in unserem Viertel mit den politischen Gedanken längst über die Europawahlen hinaus: "Es wird wohl Juppé werden", resümiert er trocken die jüngsten politischen Turbulenzen. Denn nicht nur das Ergebnis der Europawahlen mit der Le-Pen-Partei an der Spitze schlug ein wie eine Bombe, ebenso ein neuer Wahlkampf-Finanzierungsskandal, der am Dienstag den Chef der führenden bürgerlichen Oppositionspartei im Parlament, Jean-François Copé, zum Rücktritt zwang

Gegen Juppé hätte Le Pen keine Chance

Für den Wirt des Cadet ist damit entschieden, dass Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy bei den nächsten Präsidentschaftswahlen nicht ein weiteres Mal antreten kann. Schließich sei nun bewiesen, dass Sarkozys letzter Wahlkampf  illegal finanziert worden sei. "Das wird er nicht los", sagt der Wirt. Also werde die bürgerliche Opposition 2017 mit dem populären Bürgermeister von Bordeaux, Ex-Premierminister Alain Juppé antreten.

Le Pen würde dann zwar in den zweiten Wahlgang kommen, weil die Linke zerstritten sei, aber diesen gegen Juppé verlieren. "Vielleicht nicht 20 zu 80 wie ihr Vater gegen Chirac (bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2002, d.R.), aber 35 zu 65", prognostiziert der Wirt, sich seiner Sache ziemlich sicher. Besonders aufgeregt klingt er dabei nicht. Ganz so, als ginge das politische Theater, das er jeden Tag hinter seinem silbernen Tresen kommentiert, nur weiter seinen gewohnten Gang.

Was also wird aus Frankreich mit dem Front National im Aufwind? Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat gestern von den französischen Rechtsextremisten als einer "faschistischen Partei" gesprochen. Er traut ihr offenbar ein erhebliches Zerstörungspotential zu – und steht damit nicht allein. Unser algerischer Wirt von nebenan würde ihm zustimmen.

Ebenso die in Frankreich äußerst beliebte Mainstream-Kommentatorin Alba Ventura von Radio Luxemburg: Sie warnte nach dem Wahlsonntag vor dem "Bruch des Frankreichs von oben mit dem Frankreich von unten" – wobei sie unter dem "Frankreich von unten" eine Bevölkerungsmehrheit der unteren Schichten meint, die sie offenbar für fähig hält, eines Tages die Rechtsextremisten an die Macht zu wählen.

Nur ein begrenztes Beben

In der Pariser Tageszeitung Libération nimmt dagegen Bernard Guetta, ein ebenfalls populärer Radiokommentator, die Gegenposition ein: Keine Aufregung, auch in Frankreich wählen noch zwei Drittel die staats- und europatragenden Parteien, nur haben dabei französische Sozialisten und Bürgerliche noch nicht gemerkt, wie sehr sie sich inzwischen gleichen und daher gegen den Front National zusammenarbeiten müssen.

Für Guetta aber ist das politische Beben dieser Tage in Frankreich "ein begrenztes Beben", denn letztlich unterscheide sich die politische Landschaft des Landes nicht von der vieler anderer europäischer Länder.

Die beiden unterschiedlichen Interpretationsweisen reflektieren sich auch in den Beratungen des Europarats am Dienstagabend in Brüssel. Dort verlangte der französische Staatschef François Hollande eine Neuorientierung Europas. Dem widersprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

So wie der französische Wirt in unserer Straße dem algerischen widersprach. Doch das Thema wird Europa noch lange beschäftigen. Denn der Front National wird bleiben und – wenn nichts passiert – weitersiegen. Nebenbei interessant: Merkel und Schäuble widersprechen sich in ihren Frankreich-Interpretation dieser Tage auf sehr deutliche Art und Weise.