Wenn nicht alle Umfragen täuschen, so gibt es einen Gegensatz zwischen der Zahl derer, die ein endgültiges Verschwinden der FDP bedauern würden, und der Zahl derer, die bei Wahlen für die FDP stimmen würden. Dieser Gegensatz dürfte sich ungeachtet des Parteitags der Liberalen in Dresden eher noch verschärfen. Denn auf Wahlpräferenzen bezogen kommt die FDP derzeit nicht aus ihrem Umfragetief heraus – und gleichzeitig wird immer deutlicher, wie sehr wir auf eine überzeugende liberale Partei angewiesen wären. Aber objektive Notwendigkeiten setzen sich leider nicht maßstabgerecht in subjektive Wählerstimmen um.

Zu den Notwendigkeiten: Wenn man sieht, wie die große Koalition gegen den vereinigten Sachverstand aus fast allen Lagern (auch aus Kreisen selbst der Unionsparteien) ihr "Rentenpaket" zu Lasten kommender Generationen zusammenschnürt – die Betroffenen können ja dann später, wenn ihnen die Rechnung präsentiert werden wird, aus Protest wehrlos jemand anders wählen –, dann hätte man doch gerne an der Regierung eine Partei beteiligt, die ordnungspolitischen Verstand mit langer Perspektive zur Geltung bringt.

Oder – Ausschnitt aus demselben Themenkomplex: Wie kann man im Ernst angesichts der demografischen Lage (immer weniger junge Leute sollen für immer mehr Akte sorgen) die ohnedies recht langsam gleitend eingeführte Rente mit 67 wieder infrage stellen? Während man doch fragen müsste, ob nicht spätestens nach 2025 ganz andere Probleme auf das Rentensystem zukommen werden.

Ähnliches gilt für den pauschal konzipierten Mindestlohn – ohne Rücksicht auf Unterschiede zwischen Regionen und Branchen; und ohne große Beachtung der Tarifautonomie. Nein, die große Koalition marschiert durch, als sei sie, wie neulich jemand bemerkt hat, auf Autopilot geschaltet: Ohren und Augen zu – und durch!

Ein anderes Beispiel: Die Regierungsparteien erwecken nicht gerade den Eindruck, als hielten sie energisch an ordnungspolitischen Gesichtspunkten der europäischen Währungspolitik fest; sie stehen auch unter zunehmendem äußeren Druck, zugegebenermaßen. Die ominöse "Alternative für Deutschland" hingegen nutzt die fragwürdige Auflockerung währungspolitischer Kriterien, um nicht nur gegen den Euro, sondern gleich auch noch gegen die Europäische Union insgesamt populistisch zu agieren. Wie notwendig wäre hier eine handlungsfähige liberale Partei, die ordnungspolitische Konsequenz und Überzeugungskraft vereint mit einer glaubwürdigen proeuropäischen Perspektive!

So könnte man von Politikfeld zu Politikfeld fortschreiten – allein: Die beste Botschaft verhallt ohne kräftigen Botschafter. Die beste Politik bleibt machtlos ohne handlungsfähige Partei und ohne eine für sie auskömmliche Wählerschaft. Wer ehrlich gegenüber sich selbst ist, muss zugeben, dass er derzeit nicht wissen kann, wie der Botschafter zur Botschaft, die Partei zur liberalen Politik und die Wähler für die FDP gefunden werden sollen. Die Herausforderung ist zu groß, als dass sie von einem einsamen Künstler in der Zirkuskuppel gemeistert werden könnte – und heiße er Christian Lindner.  

Parteien brauchen als Unterfutter ein vitales Mindestmilieu, sie brauchen ein Netzwerk zwischen Führung und Milieu und sie brauchen für die öffentliche Kommunikation eine einigermaßen breite und in Maßen plurale Führungsschicht aus mehreren Generationen und fachlichen Kompetenzen. Ein noch so begabter Vortänzer kann die klügsten Sachen sagen: Irgendwann werden die Zuhörer selbst der gescheitesten Monotonie überdrüssig.  

Als 1982 die Kanzlerschaft Helmut Schmidts endete und die Genossen glaubten, sie könnten den Kanzlersturz ziemlich schnell wieder rückgängig machen, warnte Herbert Wehner sie: Das könne 16 Jahre dauern. Er sollte exakt recht behalten, auch wenn er das nicht mehr erleben durfte. Viel schwieriger zu sagen, wie lange es dauern kann, bis die FDP bundespolitisch wieder auf die Beine kommen kann. Vor allem aus diesem Grunde: Je länger der Erfolg auf sich warten lässt, desto unwahrscheinlicher wird er. Weil man sich irgendwann an die Abwesenheit der FDP gewöhnt haben wird.