Es ist die Art von Recherche, bei der sich der Gesprächspartner erst mal bis auf die Unterhose auszieht. Thaddeus Blanchette schlüpft in schwarz-weiße Flipflops und zieht einen verwaschenen weißen Bademantel über, auf dessen Rücken der Name eines Großbordells in Rio de Janeiro gedruckt ist. Der Reporter macht es genauso, und eine ältere Dame, irgendwo zwischen eingenickt und tagträumend, schlurft herbei und weist uns Schließfächer für die Bürokleidung zu. "Verliert bloß den Schlüssel nicht!" ruft ein junger Brasilianer auf Englisch, nickt freundlich herüber und zurrt entschlossen seine Bademantelschlaufe fest. "All Euer Konsum wird auf diese Schlüsselnummer eingetragen!"

Konsum: Das fängt schon damit an, dass man eine Eintrittsgebühr von umgerechnet 25 Euro bezahlt; darin ist aber der leihweise Gebrauch des Bademantels schon enthalten. Außerdem die Benutzung einer Sauna, das Liegen in einem öffentlichen Ruheraum unter Neonlampen und der Besuch einer sehr gut verspiegelten Stripshow in der ersten Etage, wo die Herren weiße Einheitsbademäntel tragen und die Damen Bikinis oder weniger. Getränke sind extra und das stundenweise Mieten von Zimmern und sonstige Dienstleistungen auch.

"Das ist eine sogenannte Terma", erläutert Thaddeus Blanchette (46), ein graubärtiger Professor von der Bundesuniversität in Rio de Janeiro, der gleich nach dem Betreten der Stripshow einen Ecktisch in Beschlag genommen hat und nun mit konzentrierter Miene in einen Notizblock kritzelt. "10, 20, 30 … das ist für einen normalen Abend ganz schön voll!" sagt er. Die Zählung der anwesenden Kundschaft trägt er als Forschungsergebnis in seinen Notizblock ein. Er nippt an seinem Red Bull und sagt der blondierten Schönheit, deren Oberschenkel sich kurz an seine Schultern schmiegen: "Ich arbeite."

Bordelle für die Mittelschicht

Termas sind eine Form von Bordell für die obere Mittelschicht, die in Rio de Janeiro besonders verbreitet sind. Darin sieht es irgendwie nach Wellness und Gesundheit aus, was allerdings kaum zu erklären ist, denn für einen Selbstbetrug der anwesenden Männer ("Ich war bloß ein bisschen in der Sauna") hängen hier eindeutig zu viele Preislisten für den einstündigen oder zweistündigen Gebrauch von Sexarbeiterinnen. "Ich denke, dass diese Einrichtungen in den sechziger Jahren teilweise noch legitime Saunas waren", sagt Thaddeus Blanchette. "Im Lauf der Zeit haben sie sich dann verwandelt."

Thaddeus Blanchette weiß so ziemlich alles über dieses Geschäft: Der gebürtige Amerikaner, der seit 25 Jahren in Rio lebt und dort verheiratet ist, gilt inzwischen als führende Autorität zum Thema Sexarbeit – und ganz besonders über den Sextourismus nach Brasilien. Die Ergebnisse seiner Kunden-Zählung in der Terma wird er gleich noch säuberlich in sein iPad eingeben, als Teil einer gewaltigen Datenbank, die der Anthropologe regelmäßig mit seinen Vor-Ort-Besuchen füttert, mit Interviews und mit der Prahlerei der Freier aus dem Internet.

"Es ist ja hoch interessant, dass viele Männer nicht nur Prostituierte besuchen, sondern hinterher auch noch detailliert über ihre Erlebnisse auf Websites berichten", sagt er. Auf seinem iPad gibt es eine Karte von Rio de Janeiro, auf der die Einträge seiner Datensammlung wie Lichter blinken: Die Termas, die kleinen Luxusbordelle, die Kontaktpunkte an Straßenecken und in Rotlichtbars, die "Schnellfick"-Etagen in den dunkleren Ecken der Innenstadt, wo eine Viertelstunde Sex für zehn Euro angeboten wird.

Metropole der liebeshungrigen Superfrauen

Akribische Arbeit, Professor, aber warum interessiert Sie das alles so? Blanchette zuckt mit den Schultern: Er erzählt, dass er irgendwann darauf gestoßen sei, am Anfang seiner Forschungen in Rio de Janeiro, als er die Szene der internationalen Touristen und Expats näher betrachtete. Kaum zu übersehen, wie viele von denen irgendwann in den Rotlichtbezirken der Stadt landeten. Rio, sagt er, erzeuge manchmal ein großes Missverständnis: In aller Welt gelte diese Stadt als Metropole der liebeshungrigen Superfrauen, "und manche Männer reisen hier mit riesigen Hoffnungen an und merken, dass die Brasilianerinnen eigentlich sehr konservativ und zurückhaltend sind. Zwei Tage vor der Abreise sind sie dann frustriert und gehen in den Puff."

Naja, das ist ein Teil der Geschichte: Da gibt es auch noch den wohl geplanten Sex-Tourismus. Legal in Brasilien, aber die Regierung drängt ihn trotzdem zunehmend kämpferisch zurück. Einige Bordelle und Rotlicht-Treffpunkte in Rio, die bei Touristen besonders beliebt waren, wurden in den vergangenen Jahren geschlossen. Das Schmuddel-Image soll verschwinden. Als adidas Anfang des Jahres "I Love Brazil"-Trikots mit aufreizenden weiblichen Hinterteilen als Motiv verkaufte, zwang die brasilianische Regierung den Sportkonzern zu einem Designwechsel. Auf brasilianischen Internetseiten waren Kommentare zu lesen wie: "Eines ist doch klar: Die Ausländer, die zur WM nach Brasilien reisen, sind Banditen aus Europa und anderen Ländern auf der Suche nach billigen Schlampen."

Blanchette betrüben solche Aussagen. Er hat keine Illusionen über die harte Realität der Sexarbeit, über die er forscht – aber er befürchtet, dass öffentlich zur Schau gestellte Entrüstung am Ende bloß wieder den Prostituierten schade. Sie müssten ihre Arbeit dann noch heimlicher, angstvoller und ungeschützter ausüben. "Vor allem gibt es überhaupt keinen Nachweis, dass Sportfans in irgendeiner Weise überdurchschnittlich viel zu Prostituierten gingen", sagt Blanchette. "Im Gegenteil, beim Confederations Cup im vergangenen Jahr sind sogar besonders wenige Reisende zu Prostituierten gegangen."

Sagt er, packt sein iPad in die Schultertasche und schwingt sich auf das Fahrrad, das er an einem Laternenpfahl vor dem Innenstadt-Bordell festgebunden hatte. Es sei noch nicht mal Mitternacht, sagt Thaddeus Blanchette. Er will heute noch ein paar Bordelle besuchen.