Die Parlamentswahl in Indien geht mit einem symbolträchtigen Duell zwischen zwei der aussichtsreichsten Kandidaten in Varanasi zu Ende. Nach der mehr als fünfwöchigen Abstimmung in dem Subkontinent stimmen am letzten Wahltag die Menschen in der Pilgerstadt am Ganges ab: Dort kandidieren zwei der drei wichtigsten Spitzenkandidaten, der Hindu-Nationalist Narendra Modi und der Anti-Korruptions-Kämpfer Arvind Kejriwal. Beiden wird eine entscheidende Rolle im neuen Machtgefüge des Milliarden-Landes vorhergesagt.

Kejriwal ist Vorsitzender der Aam Aadmi Party, die sich dem Kampf gegen die Korruption verschrieben hat und im Dezember überraschend die Wahl in der Hauptstadtregion Neu Delhi gewann. Sein Bündnis richtet sich vor allem an die städtischen, besser gebildeten jungen Wählerinnen und Wähler. Er könnte mit einer breiten Koalition aus Regionalparteien an die Macht kommen.

Auch sein Kontrahent, der 63-jährige Modi von der Bharatiya Janata Party, zielt auf Wähler aus den Städten. Der Favorit auf das Amt des Premierministers, der seit Wochen in den – äußerst unzuverlässigen – Umfragen vorne liegt, gilt als wirtschaftsfreundlich. Wegen der Abstimmungen in anderen Regionen hatte er zuletzt allerdings wenig Zeit in seinem Wahlkreis Varanasi verbracht. Die Abstimmung könnte allerdings entscheidend für Erfolg oder Misserfolg Modis sein, der sich dort als Direktkandidat aufstellen ließ – und damit direkt über seine Person abstimmen lässt.

Vielen gilt Modi als Macher, andere beschuldigen den Nationalisten, als Ministerpräsident des wohlhabenden Bundesstaats Gujarat ein Pogrom an Muslimen zumindest nicht verhindert, wenn nicht sogar angestiftet zu haben. Zudem seien die wirtschaftlichen Daten des von ihm regierten Bundesstaates nicht so gut, wie er oft behauptet, sagt Sandra Destradi vom GIGA Institut für Asien-Studien. Bei näherer Betrachtung liege er im indischen Vergleich eher im Mittelfeld.

"Inder wollen den Wandel"

Modi und Kejrival gelten als die wichtigsten Herausforderer der regierenden Kongresspartei von Rahul Gandhi, dem Enkel der berühmten Indira Gandhi und Urenkel des Staatsgründers Nehru. Der amtierende Premier Manmohan Singh hat sich für ihn ausgesprochen, was aber kaum helfen dürfte: Viele Wähler machen die Partei und ihren Führer für die steigende Inflation, schleppendes Wirtschaftswachstum und zahlreiche Korruptionsskandale verantwortlich.

Beobachter sehen die Zeit der indischen Politiker-Dynastie daher am Ende. Allerdings werden Wahlen in Indien auf dem Land entschieden. Und Gandhi könnte deshalb der lachende Dritte sein, wenn sich Modi und Kejrival die Wähler in den Städten streitig machen. Kurz vor der Wahl legte Gandhis Partei Sozialprogramme auf, von denen vor allem ländliche und ärmere Bevölkerungsteile profitieren. In einem schrillen Kampf um die fast 815 Millionen Wahlberechtigten attackierten sich die Kandidaten oft unter der Gürtellinie. Gandhi blieb dabei jedoch erstaunlich blass.

"Die Inder wollen den Wandel – manche von ihnen allerdings lieber ohne Modi", sagt Destradi. Für viele sei Modi "das kleinere Übel", auch wenn sie mit vielem nicht einverstanden sind, was er sagt und tut. Umfragen deuten darauf hin, dass er die Wahl für sich entscheidet. "Fraglich ist nur, wie groß sein Vorsprung ist und wie viele Koalitionspartner er benötigen wird." Nur rund die Hälfte der Inder wählt die großen landesweit antretenden Parteien, zu denen neben den Nationalisten und der Anti-Korruptionsbewegung auch Gandhis Kongresspartei gehört.

Beteiligung unter Analphabeten besonders hoch

Ein großer Teil setzt auf Regionalparteien, sagt Destradi. Diese hätten dann oft ein entscheidendes Wort mitzureden in einer Regierungskoalition. Die Regionalparteien könnten in diesem Jahr noch stärker abschneiden als sonst: Viele Inder, vor allem aus dem Mittelstand, seien enttäuscht von den Politikern, sagt Destradi.

"Gerade bei der ländlichen Bevölkerung, in ärmeren Schichten und bei Analphabeten ist die Wahlbeteiligung besonders hoch", sagt die Wissenschaftlerin. Bei den vergangenen Abstimmungen lag die Beteiligung meist bei rund 60 Prozent. Dieses Mal soll sie bei gut 66 Prozent liegen. Indien vertraut dabei vollständig auf elektronische Wahlmaschinen, die, mit Symbolen versehen, auch Analphabeten die Wahl ermöglichen.

Die Wahl gilt als größte der Welt, von groß angelegten Fälschungen wurde bisher nichts bekannt. Bis auf relativ kleine Zwischenfälle ist die Abstimmung friedlich verlaufen.