Im Jahr 2002 war Rahul Gandhi einer von 60 Teilnehmern der Bucerius Summer School, der vierzehntägigen Sommerakademie der Hamburger ZEIT-Stiftung, die ich seit ihrer Gründung vor vierzehn Jahren leitete. Wie immer hatten wir einige Regierungschefs, darunter Indiens Premierminister, um Nominierungsvorschläge gebeten. Eines Tages rief der indische Botschafter aus Berlin an und erkundigte sich besorgt, ob denn gewährleistet sei, dass der jüngste Sprössling der Gandhi-Dynastie nicht schmählich abgelehnt würde, falls seine Regierung ihn nominieren sollte. Meine Antwort: "Wir sind doch nicht so töricht, einen künftigen Ministerpräsidenten Indiens abzulehnen!"

Damals schien Rahul Gandhis künftige Ministerpräsidentschaft eine sichere Sache zu sein. Doch hat der Ausgang der indischen Parlamentswahlen den Traum rüde beendet – vorerst jedenfalls.

Fünf Wochen hatten sich die Wahlen hingezogen, erstaunliche 66 Prozent der 814 Millionen Wähler gaben in den 900.000 Wahllokalen (und in 1.652 Sprachen und Dialekten) ihre Stimme ab – die höchste Wahlbeteiligung je. Das Ergebnis war ein politischer Erdrutsch. Die Kongresspartei, die Indien seit der Unabhängigkeit vor 67 Jahren 54 Jahre lang regierte, wurde hinweggefegt, zurückgestutzt auf ein Viertel ihrer Sitze in der Lok Sabha, dem Unterhaus. Rahul Gandhi – Nehrus Urenkel, Enkel von dessen Tochter Indira Gandhi, Sohn von Rajiv Gandhi (beide als Premiers mörderischen Attentaten zum Opfer gefallen) – hat es nicht vermocht, die dynastische Tradition der Familie in das neue Zeitalter hinüber zu retten.

Der Machtwechsel hat die hinduistische Bharatiya Janata Party (BJP) zum zweiten Mal an die Macht gespült und sie diesmal mit einer absoluten Mehrheit ausgestattet. Narendra Modi, der den ausgebrannten Manmohan Singh ablöst, braucht sich nicht auf brüchige Koalitionen einzulassen, die seine Handlungsfähigkeit begrenzen und seinen Elan bremsen.

Modi ist seit 2001 Ministerpräsident des nordwestlichen Bundesstaates Gujarat. Dort hat er sich den Ruf eines wirtschaftspolitisch erfolgreichen Politikers erworben. Die Landwirtschaft seines 60-Millionen-Staates verzeichnete während seiner Regierungszeit jährlich eine Steigerung von zehn Prozent, die Industrie eine Wachstumsrate von 14 Prozent. Dazu verhalf ihm ein ehrgeiziges Privatisierungsprogramm, die Aufrüttelung der trägen Bürokratie, die Öffnung für Großinvestoren. Riesige Bewässerungsprojekte haben den Baumwollanbau qualitativ und quantitativ enorm verbessert, der Ausbau der Wasserkraft hat stetig fließenden Strom in die Städte und Dörfer gebracht. Die Gujaratis haben den Fortschritt am eigenen Leibe verspüren können. Nun hofft das indische Volk, dass sich das Wirtschaftswunder von Gujarat zwischen Kaschmir und Kochin wiederholt.

In Gujarat hat sich Narendra Modi allerdings auch den Ruf eines sektiererischen Hindu-Nationalisten zugezogen. Nicht nur, dass der Sohn eines Teeverkäufers von frühester Jugend der Rashtrya Swajamsevak Sangh (RSS) angehört, einem millionenstarken, militant-radikalen Bund, der Hindutva predigt, eiferndes Hindutum, das für die indischen Muslime nur Unduldsamkeit übrig hat. Ihm wird auch vorgeworfen, er sei 2002 als Ministerpräsident in ein antimuslimisches Pogrom verwickelt gewesen, bei dem mehr als 1.000 Menschen ums Leben kamen; mindestens habe er nicht genug unternommen, um die Gewalttaten einzudämmen. Der Staatsgerichtshof sprach ihn zwar frei von Schuld, doch hängt ihm die Geschichte bis heute an.

Zu seinen Gunsten sagen viele jetzt, in Gujarat sei es seit 2002 friedlich geblieben; Modi sei gereift und geläutert; und sowieso sei Indien so vielfältig, unterschiedlich und widerborstig, dass niemand ihm einen Gleichschaltungsstempel aufzudrücken vermöge.

Mag sein. Wichtiger und gewichtiger ist jedoch ein anderes Argument. Modi tritt ein schweres Erbe an. Indien hat fünf verlorene Jahre hinter sich. Das Wachstum ist unter fünf Prozent gesunken, die Inflation auf neun Prozent angestiegen. Die Rupie hat stark abgewertet, die Investitionsrate von 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist auf neun Prozent geschrumpft, der Beitrag der Industrie zur Wirtschaftsleistung zurückgegangen. Archaische Arbeitsgesetze behindern den Aufschwung; die Korruption durchdringt alle Lebensbereiche; jedes Jahr treten mehr als zehn Millionen Jugendliche ins Wirtschaftsleben ein und brauchen Arbeitsplätze.

Hier verspricht Modi Vekas: Wandel, Wachstum, Entwicklung. Will er dies bewirken, braucht er freilich sozialen, ethnischen und religiösen Frieden. So hat er nicht von ungefähr dem militanten Hindu-Eifertum Schranken gewiesen: toilets before temples, verkündete er – in einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung ihre Notdurft auf freiem Felde verrichtet, müssten zunächst einmal Toiletten gebaut werden.

Im übrigen wird Modi auch mit einer absoluten Mehrheit in New Delhi nicht einfach durchregieren können; dazu hat sich die indische Politik zu stark dezentralisiert und regionalisiert. "Gute Zeiten liegen vor uns!", hat er den Indern nach seinem Wahlsieg versprochen. Aber mit starken Worten ist es nicht getan – das hat schon sein BJP-Vorgänger Vajpayee im Amt verspürt, dessen Parole "India Shining" sich angesichts der rauen Realität nicht bewahrheitete.

Modi wird liefern müssen. Sonst könnte Rahul Gandhi, der erst 43 Jahre alt ist, doch noch seine Chance bekommen.