Die Regierung in Kiew reagierte am heutigen Montag: Sie setzte die gesamte Polizeiführung von Odessa ab und entsandte Spezialkräfte mit der Bezeichnung Kiew-1 in die Stadt. Innenminister Arsen Awakow sagte, die Polizei habe "vollkommen unverantwortlich gehandelt, möglicherweise aus kriminellen Gründen". Sie sei weder am Freitag eingeschritten, noch habe sie verhindert, dass am Sonntag 67 zumeist prorussische Demonstranten aus der Haft fliehen konnten. Die nun aus Kiew entsandten Kräfte entstammen zum Teil aus dem Widerstand gegen den im Februar gestürzten prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Die Menschen in Odessa sind unterdessen um Normalität bemüht: In Schulen geht der Unterricht seinen gewohnten Gang, Busse fahren, Supermärkte und Kindergärten bleiben geöffnet. Dennoch gibt es in den Schulen Sonderversammlungen besorgter Eltern und Lehrer. Kinder bekommen Instruktionen, wie sie sich im Notfall zu verhalten haben, eine Universität nahe dem Gebäude der Gebietsversammlung bleibt bis zum 12. Mai geschlossen.   

Separatisten wollen Regierungsgebäude angreifen

Im Großen und Ganzen war es den Tag über ruhig in Odessa. "Gott sei dank", sagt Serge Maschewski, Bischof der deutschen evangelisch-lutherischen Kirche, die nur wenige Wohnblöcke vom Zentrum entfernt ist. Auch Maschewski hat erlebt, was in den vergangenen Tagen in der Stadt los war. "Es war wirklich gefährlich. Wir haben unseren Gästen geraten, ihre Zimmer nicht zu verlassen." Die Situation bleibe angespannt: Bürger der Stadt und Polizisten patrouillieren an den Zufahrtsstraßen nach Odessa, "sie halten jedes Auto an, lassen sich von jedem die Dokumente zeigen. Die vergangenen drei Tage haben Spuren hinterlassen – und vor allem Angst."

Spätestens am 9. Mai rechnen die Bewohner Odessas mit neuen Unruhen. Dann begeht Russland den "Tag des Sieges" – ein Feiertag, der an den Sieg über die Deutschen im Zweiten Weltkrieg erinnert. Es könnte aber auch schon vorher ein weiteres Mal eskalieren: Prorussische Separatisten haben am Montagnachmittag angekündigt, nach der Beerdigung des Kommunalpolitikers Wjatscheslaw Markin, der bei dem Brand am Freitag starb, mehrere Einrichtungen zu besetzen.

Maschewski rechnet mit dem Schlimmsten. In seiner Kirche wurde ein Lazarett eingerichtet. "Wir hoffen, dass wir es nicht brauchen werden. Aber wir sind vorbereitet."