Ein endloses Medley aus sowjetischen Liedern dringt aus den Lautsprechern: "Sei gegrüßt, wunderbares Land!" Alte Männer bekreuzigen sich, dann legen sie Blumen an einem schlichten Grabmal des unbekannten Soldaten nieder. Nach der Schweigeminute beginnt der heitere Teil. Ein Rentner-Trio trägt ein Lied über eine junge Partisanin vor. Nach einer Stunde ist die Gedenkfeier zum Tag des Sieges vorbei.

Das Erinnerungstreffen zum glorreichen Erfolg der Roten Armee über Nazi-Deutschland hätte in einer beliebigen russischen Provinzstadt stattfinden können, gäbe es nicht ein paar wesentliche Unterschiede: Auf dem Monument stehen die Jahreszahlen des Zweiten Weltkriegs, nicht die des Großen Vaterländischen Kriegs (1941-1945). Und russische Flaggen und rote Fahnen sind nicht zu sehen. 

Dennoch ist das sowjetische Erbe nirgendwo in Litauen so spürbar wie in Visaginas, zwei Autostunden nordöstlich von Vilnius. Die von den Sowjets gegründete Stadt liegt zwischen einem Naturpark mit zwei Dutzend Seen und einem ehemaligen Atomkraftwerk aus sowjetischer Zeit. Das AKW Ignalina hat einst Litauen, Lettland und Weißrussland mit Strom versorgt. Die Stilllegung des unsicheren Reaktors war eine Bedingung für den EU-Beitritt des Landes.

Visaginas ist eine Atomstadt – 1975 als Sniečkus gegründet für Bauarbeiter und Beschäftigten des Reaktors, benannt nach dem moskautreuen Führer der kommunistischen Partei Litauens. Eine moderne Siedlung mitten im Kiefernwald, mit Schulen, Kindergärten und mehrstöckigen Häusern aus rotem Backstein, die junge Ingenieure und Arbeiter aus der ganzen Sowjetunion anlockte. Wer hierher kam, sprach Russisch – und tut es bis heute. Visaginas ist die einzige Stadt Litauens mit einer russischsprachigen Mehrheit.

Früher gab es hier nur Kiefern

Einer der Umzügler von damals ist Oleg Davidjuk. Anfang der achtziger Jahre kam der Ingenieur aus Leningrad hierher und baute Sniečkus und das Kraftwerk mit auf. Nach 25 Jahren im AKW ging er in Rente und sitzt jetzt im Stadtrat. Wie ein sowjetischer Eindringling fühlt er sich nicht: "In Visaginas gibt es keine Urbevölkerung", sagt Davidjuk, "Alle sind zugezogen. Hier gab es ja nichts, nur Kiefern." Wie die meisten ehemaligen sowjetischen Binnenmigranten ist er inzwischen litauischer Staatsbürger.

Was Davidjuk von den meisten seiner Generationsgenossen unterscheidet: Schon in den achtziger Jahren engagierte er sich für die Unabhängigkeit des Landes und für die Demokratie. Heute ist er skeptisch. Schließlich habe das demokratische Litauen russische Sender aus dem Land verbannt, wegen angeblicher Kriegspropaganda – für Davidjuk unverständlich.

Überbleibsel der Sowjetzeit

Seit mehr als 20 Jahren ist Litauen wieder unabhängig, die Sowjetherrschaft gilt als Okkupation. Der Kommunistenführer Sniečkus ist vergessen, genau wie der alte Ortsname. Jetzt heißt die Stadt wie der gleichnamige See am Stadtrand. Die meisten Straßennamen aus der Sowjetzeit haben die Unabhängigkeit hingegen überstanden, wie der Prospekt des Friedens, an dem nun auf riesigen Plakaten EU-finanzierte Umbauprojekte angekündigt werden.

Die Straße der Partisanen heißt seit 1980 so. Die Kommunisten benannten sie nach roten Partisanen, die gegen die Nazis kämpften. Heute haben die grünen Partisanen Konjunktur: Die Waldbrüder führten im ganzen Baltikum bis in die fünfziger Jahre einen Guerilla-Krieg gegen die Sowjetherrschaft.