Sauber ist der Park. Und schön und leer. Wo vor genau einem Jahr die Zelte standen, wo Tausende liefen und lachten und schliefen und kämpften, ist wieder Gras gewachsen. Alle paar Minuten kommt ein Mann von der Stadtverwaltung vorbei und schiebt Zigarettenstummel in sein Kehrblech. Auf den Bänken sitzen ein paar Touristen. Nur ihre Blicke sind ungewöhnlich: neugierig und gleichzeitig vorsichtig. Sicher auch wegen der drei vergitterten Polizeibusse mit laufendem Motor und den rauchenden Männern in Uniformen davor. Sie tragen ihre Gewehre wie E-Gitarren vor der Hüfte. 

Der Gezi-Park tut nur so, also wäre alles normal. Als wäre er nicht Schauplatz und Auslöser jener politischen Unruhen gewesen, die vor genau einem Jahr die ganze Welt verfolgte. Und die das Land bis heute beschäftigen.

Zehn Millionen, sagen manche, waren damals auf den Straßen der Türkei. CNN berichtete live vom Taksimplatz, den manche schon mit dem Tahrir in Kairo gleichsetzten. Natürlich ging es genau darum: Die Welt schaute auf diesen Platz und dieses Land und fragte sich, erwartungsvoll schaudernd: Beginnt hier die nächste Revolution?

Die Revolution kam nicht. Was war es dann? Was ist geblieben von "occupy gezi", nach einem Jahr?

Beim Anflug auf Istanbul lassen sich jetzt schon die Pfeiler der dritten Bosporusbrücke gigantisch am Ufer erkennen. Ein Lieblingsprojekt Erdoğans, der dann bei der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt selbst von Plakaten grüßt. Wahlkampf ist zwar keiner, aber ein aufgehübschtes Stadtviertel gibt es immer zu bewerben. Über 45 Prozent haben die Partei des Premiers bei den Kommunalwahlen am 30. März gewählt.

Die Türkei ist verwundet

Erdoğan sieht es als Bestätigung, dass er alles darf. The winner takes it all. "Das Volk wird die Feinde der Türkei an der Urne zerstören", hatte der Premier gewettert. Dass es höchstens seine Feinde waren, gegen die er da Stimmung machte, war längst egal. Seine Macht und das Wohl des Staates: für Erdoğan ist das längst dasselbe.

Das ist die eine Seite. Die andere: 20.000 Demonstranten in Izmir nach dem Grubenunglück in Soma. Fast jede Woche Wasserwerfer und Tränengas gegen Protestierende in Istanbul, Ankara, Antakya. Ein gigantischer Korruptionsskandal, den die Regierung wegzudrücken versucht, indem sie Tausende Polizisten und Staatsanwälte entlässt und versetzt. Ein Berater Erdoğans, der in Soma auf einen Demonstranten eintritt. In diesen Tagen beginnen die Prozesse gegen Hunderte der ersten Gezi-Demonstranten, gegen kritische Journalisten, ebenso wie gegen ein paar Polizisten, deren Gewalt selbst über das hinaus ging, was Erdoğan für angemessen hält.

Die Türkei ist verwundet. Die in Istanbul lebende amerikanische Journalistin Claire Berlinski twitterte vor wenigen Tagen: "Irgendeine Art von Zuneigung für die Türkei zu haben, garantiert ein gebrochenes Herz. Als wäre man in einen hoffnungslosen Alkoholiker verliebt."