Die massiven Proteste gegen die türkische Regierung reißen nicht ab: In Izmir im Westen der Türkei sind etwa 20.000 Menschen auf der Straße. Die Polizei geht mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor. Bei den Zusammenstößen sei der Vorsitzende der Gewerkschaft DISK, Kani Beko, verletzt worden, teilte die Nachrichtenagentur Dogan mit. Er werde im Krankenhaus behandelt.


Mehrere Gewerkschaften haben für diesen Donnerstag zum Streik aufgerufen. Auch in Istanbul und Ankara demonstrieren erneut mehrere Tausend Menschen. In Ankara gehen Polizisten mit Wasserwerfern gegen die Menschen auf den Straßen vor.


Der Gewerkschaftsdachverband KESK rief zu einem unbefristeten Streik auf und erklärte die Regierung zum "Schuldigen des Massakers von Soma".

Seit dem Grubenunglück am Dienstag in Soma gibt es landesweit Proteste gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. Die Demonstranten werfen ihr vor, die Sicherheitsmängel in den Bergwerken der Türkei in Kauf genommen zu haben. Erdoğans Reise nach Soma am Mittwoch brachte die Regierungsgegner noch mehr auf: Der Ministerpräsident hatte den Unfall heruntergespielt und gesagt, Arbeitsunfälle ereigneten sich immer und überall auf der Welt. Wut entbrannte auch über ein Foto, das den Erdoğan-Berater Yusuf Yerkel zeigt, wie er einen von Polizisten gehaltenen Demonstranten tritt.

Die Zahl der Toten wird wohl noch weiter steigen. Dogan meldet, dass das Feuer, das bislang in der Mine brannte und die Bergungsarbeiten erschwerte, gelöscht ist. Rettungskräfte können nun weiter in das Innere des Schachtes vordringen.

Hunderte Beerdigungen in Soma

Unterdessen nehmen die Menschen in Soma Abschied: Viele der getöteten Kumpel wurden am heutigen Donnerstag beerdigt. Freiwillige hatten mehr als 200 Gräber ausgehoben, sagte ein Totengräber auf dem Friedhof von Soma. Die Särge seien mit Lastwagen zum Friedhof gefahren worden, viele Beerdigungen fanden parallel statt. Energieminister Taner Yildiz sagte, von den bislang 282 Toten seien 217 identifizierte Leichen an die Familien übergeben worden.

Jeder Trauerprozession schreitete ein Mann voran, der eine gelbe Karte mit dem Namen des Opfers hochhielt. Es sollte trotz Chaos' und Leids keine Verwechslungen geben. 

Auch Präsident Abdullah Gül ist am Unglücksort, um das Bergwerk zu besichtigen. Zuvor besuchte er Überlebende im Krankenhaus. Den Angehörigen sprach er sein Beileid aus und versprach, die Bergungsarbeiten würden mit Nachdruck und großer Sorgfalt fortgesetzt. Gül sagte, das Land müsse zusammenstehen, um die Wunden dieser Katastrophe zu heilen. "Es ist ein großer Schmerz, und es ist unser aller Schmerz." Die bestehenden Regeln in der Türkei müssten überdacht werden, damit ein solches Unglück nicht mehr geschehe, sagte Gül.

Die offiziell bestätigte Zahl der Todesopfer liegt bei 282, doch noch kann in Soma niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen noch in der Grube gefangen sind. Zum Zeitpunkt des Unglücks am Dienstag, als nach einer ein Feuer ausbrach, befanden sich nach Angaben der Regierung 787 Kumpel in der Grube. Nach Angaben des Bergwerksbetreibers Soma Kömür konnten rund 450 Kumpel gerettet werden.

Ein Schutzraum für die gesamte Zeche

Am Donnerstagnachmittag berichtete die Nachrichtenagentur Dogan (DHA), 14 Kumpel seien in dem Schutzraum der Zeche gefunden worden. In dem nur fünf Quadratmeter großen Raum hätten sie sich an den Masken abgewechselt, bis der Sauerstoff aufgebraucht gewesen sei. Die Retter hätten die 14 Leichen übereinanderliegend gefunden. DHA berichtete, in der Zeche habe es für 6.500 Kumpel nur diesen einen Schutzraum gegeben.

Auch der Brand in der Zeche ist noch immer nicht unter Kontrolle: "Es sieht so aus, als wenn das Feuer kleiner geworden wäre", sagte Yildiz. "Die Kohlenmonoxidwerte in dem Bergwerk beginnen zu fallen."