Nirgendwo auf der Welt sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in der Türkei. Rund sechzig sind es derzeit nach Angaben von Reporter ohne Grenzen. Damit liegt die Türkei auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 154 – von 180.

Nein, es steht nicht gut um die Pressefreiheit in der Türkei. Und deshalb war es verdienstvoll, dass das Londoner Institute for Strategic Dialogue, die Bilgi Universität Istanbul, die Friedrich-Ebert-Stiftung und das British Institute at Ankara am vergangenen Wochenende zu einem europäisch-türkischen Medienforum nach Istanbul eingeladen hatten.

"Ich bin froh, dass unsere Freunde in Europa endlich von der Not unserer Journalisten Notiz nehmen", begrüßte ein bekannter türkischer Kolumnist die Teilnehmer. Und diese Not ist groß, die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan schüchtert Journalisten ein, "ganz direkt und sehr persönlich", wie es einer der Redner  formulierte.

Zu Recht hat Joachim Gauck bei seinem Türkei-Besuch Ende April Presse- und Meinungsfreiheit eingefordert. Er nahm es hin, dass sich Erdoğan anschließend über den "Pastor" aus Berlin erregte. Viele türkische Journalisten hingegen waren dankbar für die Mahnungen des Bundespräsidenten – nicht zuletzt deshalb, weil "seine Bemerkungen hinter verschlossenen Türen und in der Öffentlichkeit identisch waren", wie es beim Medienforum hieß. Das, klang dabei mit, sei nicht bei allen Staatsgästen so.

Auch selbstkritische Stimmen zum Niedergang der türkischen Presse waren in Istanbul zu hören. "Wir haben unsere Würde in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren verloren", klagte ein Teilnehmer. Journalisten hätten nicht laut genug protestiert, wenn regierungskritische Kollegen gefeuert oder ins Gefängnis gesperrt worden seien. Und die Verleger seien oft mehr an den Geschäften interessiert, die sie mit ebenfalls ihnen gehörenden Banken oder Baufirmen machten, als an der Verteidigung redaktioneller Unabhängigkeit und Freiheit.

Nicht, dass es der Türkei an Medien mangelte. Landesweit senden 24 TV-Sender, dazu kommen mehr als 200 Lokalprogramme. Allein 15 Nachrichtensender berichten 24 Stunden am Tag. Nur üben sie kaum Kritik an der Regierung. Auf dem Höhepunkt der Gezi-Proteste im vorigen Jahr sendete das Staatsfernsehen eine Dokumentation über das Leben der Pinguine. Bei einem anderen Sender, keine hundert Meter vom Gezi-Park gelegen, diskutierten drei Mediziner – wie passend – über das Thema Schizophrenie.

In den achtziger Jahren, als das Militär regierte, übte es ganz unverhüllt Zensur. "Jeden Morgen", erinnert sich ein Fernsehjournalist, "kam ein Offizier und übergab uns einen gelben Umschlag mit den verbotenen Themen des Tages. Wir mussten den Empfang quittieren." Das Militär zog die rote Linie bei den Themen Armenien, Kurdistan und Armee.

Über die Armenier und die Kurden darf heute berichtet werden, auch über die türkischen Streitkräfte. Erdoğan zieht andere rote Linien, etwa bei den Themen Korruption und Syrien. Im Unterschied zu den Militärs zensiert er eher indirekt.

Doch dann wieder schlägt er ganz direkt zu. So, als die Regierung im Frühjahr Twitter und YouTube sperrte. In der internetversessenen Türkei eine Wahnsinnstat. Nicht weniger als 36 Millionen Türken sind bei Facebook, 13 Millionen Türken twittern. Das Verfassungsgericht hob die Twitter-Sperre alsbald wieder auf – eine "unpatriotische" Entscheidung, wie Erdoğan wütete.

Einschüchterung und Verfolgung haben zu Beflissenheit und Selbstzensur geführt. Wer Mut hat, wehrt sich – etwa durch Gründung der neuen Website P 24, einer Plattform für unabhängigen Journalismus.

Aber Mut fordert oft einen hohen Preis. Dieser Tage öffnete sich das Gefängnistor für die Radiojournalistin Füsun Erdoğan. Siebeneinhalb Jahre war sie eingesperrt, verurteilt zu lebenslänglicher Haft wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe. Es ist bedrückend, wie sehr man sich über die Freilassung einer Kollegin freuen muss, die nie hätte eingesperrt werden dürfen. Wie so viele andere Journalisten in der Türkei.