Zwei Männer stehen an der Außengrenze der EU. Flüchtlinge in wackeligen Booten rudern auf sie zu, dazu eine Armee giftiger amerikanischer Chlorhühner, und direkt vor ihrer Nase die Ukrainer, um Hilfe flehend. Und nun müssen diese beiden Männer das bitte schnell entscheiden: Herr Schulz, Herr Juncker, wer darf rein, wer muss draußen bleiben? Los, Ihr Zeitkonto läuft schon ab!

Das war so ziemlich die Versuchsanordnung für das sogenannte TV-Duell zwischen Martin Schulz und Jean-Claude Juncker, dem sozialdemokratischen und dem konservativen Spitzkandidaten für die Wahl zum europäischen Parlament. Und weil die beiden Profis sind, gaben sie natürlich die einzig richtigen Antworten: Flüchtlinge retten, Chlorhühner aussperren, Ukraine irgendwie über Wasser halten. Ein weiteres Level in der Gameshow Politik bestanden!

Das vom ZDF und dem österreichischen ORF gemeinsam ausgetragene TV-Duell war die längste Zeit der insgesamt 90 Minuten eine ziemlich deprimierende Sache. Weil die beiden Kandidaten fast immer einer Meinung waren, obwohl sie doch Gegner sein sollten. Und weil die Moderatoren in ihrer verzweifelten Suche nach etwas Spannung immer wieder in einen Populismus abrutschten, der der Komplexität europäischer Politik nicht gerecht wird – und ihrer immensen Bedeutung schon mal gar nicht.

"Ziemlich beste Freunde"

Es fing eigentlich sehr vielversprechend an, mit einem Angriff des Parlamentspräsidenten Schulz: "Juncker steht für ein Europa der verschlossenen Türen, der Hinterzimmer." Und Juncker, der ehemalige luxemburgische Staatschef, gab zurück: "Ich habe Martin Schulz hinter verschlossenen Türen kennengelernt." Ein echter Schlagabtausch, und ein aufschlussreicher gleich dazu, weil er gleich zeigte: Die beiden sind seit Jahrzehnten EU-Establishment, Brüssel-Insider, ja sogar Weggefährten und "ziemlich beste Freunde", wie Moderator Peter Frey eingangs unwidersprochen feststellte.

Die ziemlich besten Freunde waren dann sehr nett zueinander. Beim Thema Ukraine war das noch verständlich, weil der Spielraum für verantwortliches Handeln nun mal sehr eng ist: Sanktionen ja, aber sie müssen auch was bringen. Konsequent gegen Putin und für die Ukrainer einstehen, aber bloß kein Militäreinsatz. Erst einmal ist es lobenswert, wenn Politiker nicht dort um der Show willen einen Streit inszenieren, wo sie einer Meinung sind.