Als die ersten Gerüchte über russische Soldaten auf der Krim kursierten, fanden sie sich in Gruppen zu fünf oder zehn zusammen, um die tatarische Kleinstadt Bachtschyssaraj nachts zu bewachen. Auch Eles Mann war dabei. Ohne Waffen, nur mit ihren Händen, wollten sie ihre Familien vor Schlägern beschützen. Immer wenn ein Flugzeug am Himmel erschien, löschten sie die Lichter in ihren Häusern. "Es war wie im Krieg", sagt Ele. Die Flugzeuge, die Panzer, die Gerüchte, die Angst.

Jetzt sitzt die 25-Jährige auf einem Notbett im ersten Stock eines Erholungsheims in der Kiewer Peripherie. Draußen singen die Vögel, Sohn Arslan brummt mit dem Spielzeugauto über den Teppich, Tochter Samina nuckelt selig an ihrem Apfelsaft. Noch vor dem Referendum vom 16. März war Ele mit ihrer Familie von der Krim geflohen. Zu groß war die Unsicherheit, wie Krimtataren wie sie danach behandelt würden. "Wir hatten alle Angst, dass wir umgesiedelt werden – wie unter Stalin", sagt Ele. Im 900 Kilometer entfernten Kiew wollen sie nun ein neues Leben beginnen.

Rund 7.200 Flüchtlinge von der Krim haben die ukrainischen Behörden bislang registriert. Die Dunkelziffer soll weitaus höher liegen, das Kiewer Razumkow-Zentrum erwartet langfristig sogar 150.000: Viele Menschen dürften bei Freunden oder Verwandten untergekommen sein und noch gar nicht um Hilfe angesucht haben – auch, weil die meisten hoffen, bald wieder auf die Krim zurückkehren zu können. Unterdessen berichten ukrainische Medien über die ersten Flüchtlinge aus der Ostukraine. Übergangspräsident Oleksander Turtschinow hat inzwischen eingeräumt, die Sicherheitslage in den Regionen Donezk und Luhansk könne nicht mehr kontrolliert werden. Mit den Flüchtenden kommt eine weitere Herausforderung auf die Übergangsregierung zu.

Alles nur vorübergehend

Die Hilfe für die Flüchtlinge ist Stückwerk. Einzelne Stadtverwaltungen haben sich bereit erklärt, Menschen von der Krim aufzunehmen. In Kiew etwa gibt es Kapazitäten für 3.000 Flüchtlinge, das Kontingent ist fast erschöpft, sagt Walerij Poluchin, Sekretär im Kiewer Koordinationszentrum für Binnenflüchtlinge. Jedes Ansuchen für Kiew geht über seinen Schreibtisch. Das Zentrum sucht nach freien Betten in temporär eingerichteten Flüchtlingsheimen und hilft bei der Arbeitssuche. Für Poluchin ist das alles nur ein vorübergehendes Problem: "Wir rechnen damit, dass unser Unterstützungsprogramm noch rund zwei Monate läuft."

Dann soll der rechtliche Status der Geflohenen geklärt sein, eine Arbeitsgruppe des Parlaments bereitet eine Änderung der Regelungen vor. Laut ukrainischem Gesetz sind Flüchtlinge bislang nur Menschen ohne ukrainische Staatsbürgerschaft, die Menschen von der Krim sind genau genommen intern Vertriebene. "Wenn ihnen aber offiziell der Flüchtlingsstatus zuerkannt wird, dann ist wohl ein anderes Amt zuständig – möglicherweise das Amt für Katastrophenhilfe", sagt Poluchin. Ihm ist das wohl nur recht.

Auf dem Amt für Katastrophenhilfe will man davon nichts wissen. Das Justizministerium bezieht sich auf einen Parlamentsbeschluss vom 15. April und betont, das Territorium auf der Krim sei nur "vorübergehend besetzt". Für Oldrich Andrysek, den Regionalrepräsentanten des UN-Flüchtlingshilfswerks für die Ukraine, Weißrussland und Moldau, ist das verheerend: "Niemand nimmt sich des Problems auf lange Sicht an", kritisiert er. Die meisten Hilfsinitiativen sind privat und freiwillig, nachhaltige Konzepte, um die Binnenflüchtlinge für längere Zeit zu versorgen, gibt es laut Andrysek nicht: "Es gab eine unglaubliche Unterstützung der Zivilgesellschaft für die Menschen von der Krim. Das ist toll. Diese Menschen sind jetzt mit allem versorgt – aber wie sieht das in ein paar Monaten aus?"