Die Kiewer haben sich schick gemacht: In traditionellen Blusen mit weißer, bunter oder blau-gelber Stickerei schwitzen sie in langen Schlangen in schlecht belüfteten Wahllokalen. Wer sieht am ukrainischsten aus? Im Alltag tragen sie ihren neuen Patriotismus mit Jeans und gelben T-Shirts zur Schau, heute aber ist Feiertag: Drei Wahlen finden an diesem Sonntag in Kiew statt – man wählt einen neuen Präsidenten, einen neuen Bürgermeister und das Kiewer Stadtparlament.

Am frühen Morgen ist Dmytro Wityk skeptisch: "Es ist sehr seltsam, russische Wahlbeobachter hier zu haben", sagt er. Das Land sei im Krieg, die Provokateure sind Russen, sie sind die Feinde. Die sollen jetzt hier überwachen, dass die Wahl korrekt läuft? Trotzdem hat Wityk, der aus der westukrainischen Stadt Lwiw stammt, sich bereit erklärt, zwei Wahlbeobachter der russischen NGO Golos im Bezirk Podil von einem Wahllokal zum nächsten zu fahren. Sie sind Teil der internationalen Mission der Europäischen Plattform für demokratische Wahlen und müssen als mobiles Team 20 Wahllokale schaffen.

Rustam Abdrachimow ist am Vorabend viel zu spät aus Moskau angekommen und hat leider alle Briefings verpasst. Aber aus Erfahrung in Russland weiß er, wie Wahlbeobachtung geht: schauen, dass um die Wahllokale herum keine Wahlwerbung mehr hängt, sich bei der Wahlkommission melden, nach Unregelmäßigkeiten fragen, einheimische Beobachter interviewen, Fotos machen, alles notieren. Auch Abdrachimow ist skeptisch.

Neun Stunden hat er an der ukrainischen Grenze gewartet, erzählt er, x-mal wurden seine Papiere kontrolliert, er wurde befragt. Am Ende ließen sie ihn mit dem Zug weiterfahren – zurückgeschickt wurde gleichzeitig ein Team eines russischen Fernsehsenders. Wie wird man die Russen in Kiew empfangen?

Aus Russland kommen keine OSZE-Beobachter, die Duma wollte es nicht. Doch weil sich der russische Ex-Oligarch und Ex-Häftling Michail Chodorkowski seit Kurzem für ukrainisch-russische Verständigung einsetzt, finanzierte er über seine Stiftung eine Beobachtermission für 800 Russen. Die zentrale ukrainische Wahlkommission verweigerte deren Akkreditierung; erst nach einer Klage der ukrainischen Beobachtergruppe Opora vor dem ukrainischen Verwaltungsgericht wurde allen 800 vor zwei Tagen die Beobachtung gestattet. Doch wegen der kurzen Zeit schafften es nur 150 russische Beobachter nach Kiew.

Verdächtiger Akzent

"Wer sind denn Sie eigentlich?", fragen drei Frauen, die für verschiedene ukrainische Parteien die Wahl beobachten. "Eine internationale Beobachtermission", sagt Abdrachimow vorsichtig, "wir sind aus Russland". Das habe man sich schon gedacht, sagt eine der drei, "wegen Ihres Akzents", aber vom Staat geschickt seien sie hoffentlich nicht? Akzente sind derzeit sehr wichtig in der Ukraine. "Nein, wir haben nichts gegen Sie", sagt Abdrachimow. Erleichterung. "Wir haben auch nichts gegen Sie!" Lachen.

Mindestens 20 Beobachter sind in jedem Wahllokal registriert, ukrainische und internationale, und alle Lokale sind voller Wähler. "Je mehr Leute da sind, desto weniger wird manipuliert", stellt Abdrachimow fest. Er kennt die Tricks: Mobile Urnen, die zu Kranken nach Hause gebracht werden, eignen sich zum Wahlbetrug, Wählerlisten lassen sich wirkungsvoll manipulieren. In Kiew gibt es bislang keine ernsthaften Beanstandungen.

Klar, dass es in Russland solche Manipulationen gibt, sagt der Fahrer Wityk. Und als Abdrachimow nicht hinhört: Die Russen hätten eine ganz andere Mentalität als die Ukrainer, sie würden anders denken. "Wir sind Europäer. Wenn uns Ukrainern etwas nicht passt, gehen wir auf die Straße und beschweren uns solange, bis sich etwas ändert." Natürlich war Wityk auf dem Maidan, was für eine Frage.

Auf dem Weg zum nächsten Wahllokal wendet er sich an seine Mitfahrer: "Aber ihr seid doch Demokraten?" Nicken, klar. "Dann gehört ihr zu den ganz wenigen guten Russen", beschließt Wityk. Ja, bestätigt Abdrachimow, mit denen, die dauernd sagen "die Krim gehört uns", habe er nichts gemeinsam. Im Übrigen seien alle Menschen gleich, mit Nationalität habe das nichts zu tun. Über Russland gehe außerdem gerade ein Propagandaregen nieder. "Wir kämpfen aber auch in Russland weiter."

Für ehrliche Wahlen

In einem Wahllokal, in dem unter anderem 100 ukrainische Soldaten wählen, geht es zackig zu. Stopp! Nicht weitergehen, was machen Sie hier? Doch wer sich als Beobachter ausweisen kann, darf rein, alles nach Gesetz. Auf dem T-Shirt einer ukrainischen Beobachterin steht: "Für ehrliche Wahlen", eine Forderung, die russische Oppositionelle 2012 genauso formuliert hatten. Julja Lyzenko kommt aus Donezk, wo viele Wahllokale wegen bewaffneter Separatisten geschlossen bleiben mussten. Ihre Mutter dort, erzählt Lyzenko, konnte am frühen Morgen unbehelligt wählen, doch auf ihren Arbeitskollegen sei geschossen worden, weil er ein T-Shirt mit derselben Aufschrift trug wie sie. "Donezk will jetzt zu Russland", sagt sie, "aber ich will das nicht." 

Mittlerweile scherzt der Ukrainer Wityk mit dem Russen Abdrachimow: "Mit unserer Hilfe wird es euch auch irgendwann besser gehen!" Eigentlich sei er ja liberal, sagt er, tolerant.

Nach dem zehnten Wahllokal ist Abdrachimow ganz angetan: Alle sind so freundlich! In Russland würden Wahlbeobachter grundsätzlich als Feinde betrachtet, die es mindestens anzuschnauzen gelte. In Kiew würden sie ausnahmslos respektvoll behandelt. "Ich habe noch nie so tolle Wahlen erlebt", sagt er.  Sollte es zur Stichwahl kommen, will er in drei Wochen wieder hier sein. Einfach wird das nicht, gerade hat der russische Fernsehsender NTW die russischen Beobachter in der Ukraine als "ausländische Agenten" verunglimpft