Der Siegesprospekt in Dobropolje teilt die ostukrainische Kleinstadt. Auf der einen Seite dieser Prachtstraße, am Sockel der Lenin-Statue, stimmten am Sonntag Unterstützer für die Unabhängigkeit von Kiew ab. Gleich gegenüber konnten Anhänger der ukrainischen Einheit ihr Votum gegen die "nicht anerkannte und illegale Donezker Volksrepublik" abgeben. "Auf eine Farce kann man nur mit einer Farce antworten," sagte Nikolaj Strepotschenko, ein Unternehmer, der die proukrainische Initiative unterstützt.

Dobropolje hat 30.000 Einwohner und liegt am westlichen Rand der umkämpften Region Donezk, an der Grenze zur Nachbar-Region Dniprpetrowsk. Hier hat die Kiewer Übergangsregierung noch die Macht: Ukrainische Soldaten bewachen die Ortseingänge und die gelb-blaue Staatsflagge weht vor den Regierungsgebäuden.

Die wichtigsten Städte der Region, auch die Hauptstadt Donezk, stehen allerdings unter der Fahne der Separatisten, seit bewaffnete Kämpfer vor einem Monat die Umgebung von Slowjansk überranten und einen bewaffneten Konflikt mit der Zentralmacht auslösten. Das Referendum über die Unabhängigkeit soll nun den Donezker Separatisten den Anschein von Legitimität verschaffen, auch wenn kein einziges Land – nicht einmal Russland – Wahlbeobachter hingeschickt hat.

In Dobropolje trotzen einige Hundert Menschen der Kiewer Staatsmacht und versammeln sich auf dem Platz, um fotokopierte Stimmzettel in Pappkartons mit Aufklebern der schwarz-blau-roten Fahne der DVR zu werfen. "Hier ist das Bild ganz klar. Die Menschen demonstrieren ihre Unterstützung," sagte Wahlhelfer Anatolij Gutnik, ein Arbeiter einer der zwei Kohleminen der Stadt. "Am Anfang wollten wir nur die Autonomie. Aber nachdem sie anfingen, uns in Slowjansk, Odessa und Mariupol zu töten, wollen wir in diesem Staat nicht mehr leben."

Viele Menschen stehen Schlange um ihre Stimme abzugeben

Die Menschen, darunter viele Rentner, standen geduldig in zwei Schlangen, um ihre Stimmzettel zu bekommen. Die Idee einer mobilen Wahlurne für umliegende Dörfer wurde aus Sicherheitsgründen aufgegeben. Anders als in Donezk, wo Wähler schon ab 8 Uhr morgens in Schulen im Stadtzentrum wählen konnten, gab es in Dobropolje nur ein Freiluftwahllokal für alle.

Die Stimmung blieb bis zum Abend friedlich, obwohl sich auf der anderen Straßenseite eine (deutlich kleinere) Gruppe von Menschen für die proukrainische Aktion versammelte. "Ich habe die Nase voll, Angst zu haben", sagte Michail Scheleszow, ein Bergarbeiter, dessen Familie seit fünf Generationen in der Umgebung lebt. "Ich bin in der Ukraine groß geworden. Wieso soll ich jetzt Russland lieben?"

Rentner erhoffen sich ein besseres Leben

In der Tat erhoffen sich viele Rentner ein besseres Leben als russische Staatsbürger. Denn im Bruderstaat sind Löhne und Renten doppelt bis dreifach so hoch. Raisa Karpenko, 74, sagte jedoch, dass ihre Bekannten auf der Krim berichteten, die Renten seien seit der Annexion durch Russland nicht gestiegen. Eine Überlebende der Nazi-Okkupation von Charkiw, im Nordosten der Ukraine, glaubt auch nicht, dass Faschisten jetzt das Sagen im Land haben, wie von den Separatisten behauptet.