Ukraine-Blog: Deutsche OSZE-Geisel berichtet von Gefangenschaft

Oberst Schneider empfand während seiner Gefangenschaft in Slowjansk eine "ständig steigende Gefahr". Er und sein OSZE-Team sind in Berlin angekommen. Der Ukraine-Blog

Nach acht Tagen in der Gewalt prorussischer Milizen ist ein OSZE-Team in der ostukrainischen Stadt Slowjansk freigelassen worden. Die sieben Beobachter verließen die Ukraine und kamen am späten Abend in Berlin an. Oberst Axel Schneider berichtete, dass er und sein Team während der Gefangenschaft eine "ständig steigende Gefahr" empfunden hätten.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nahm die OSZE-Beobachter in Empfang. Sie sagte, sie sei "erfüllt von großer Erleichterung", dass die Festgehaltenen unversehrt und wohlbehalten zurückgekehrt seien. Sie äußerte ihre "tiefe Dankbarkeit" für die internationale Zusammenarbeit, die zu der Freilassung geführt habe. Wladimir Lukin, Vertrauter der russischen Präsidenten Wladimir Putin, hatte die Freilassung vermittelt.

Ukrainische Einsatzkräfte setzen ihre Offensive gegen prorussische Milizen fort. In der ostukrainischen Stadt Kramatorsk eroberten sie beinahe alle Regierungsgebäude, nur noch eines ist in der Gewalt der Separatisten. Bei den Kämpfen dort starben mindestens sechs Menschen. In der Nachbarstadt Slowjansk erwarten die prorussischen Milizen einen baldigen Angriff der ukrainischen Einsatzkräfte.

Am Freitag war es zu Zusammenstößen zwischen prorussischen und prowestlichen Aktivisten gekommen. Dabei starben 42 Menschen. Ein Gewerkschaftsgebäude war in Flammen aufgegangen, nachdem Brandsätze durch die Fenster geworfen worden waren. In dem Haus hatten nach einer Straßenschlacht prorussische Aktivisten Zuflucht gesucht. Die russische Regierung machte den Westen für die Unruhen verantwortlich.

Die Ereignisse im Blog:

  • (22:05) Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen empfing das freigelassene OSZE-Team am Flughafen Berlin-Tegel. Sie sagte, sie sei "erfüllt von großer Erleichterung", dass die OSZE-Beobachter unversehrt und wohlbehalten zurückgekehrt seien. Sie äußerte ihre "tiefe Dankbarkeit" für die internationale Zusammenarbeit, die zu der Freilassung geführt habe.

    Zuvor schon hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier Russland für dessen Einsatz bei der Freilassung gedankt. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte seinen Unterhändler Wladimir Lukin nach Slowjansk geschickt, um die Befreiung der vor acht Tagen festgenommenen Mitglieder der OSZE-Beobachtergruppe zu vermitteln.

  • (21:23) Das Flugzeug mit den freigelassenen OSZE-Militärbeobachtern ist in Berlin gelandet. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen empfing die sieben Beobachter aus Deutschland und anderen europäischen Staaten beim Ausstieg im militärischen Teil des Flughafens Tegel.

  • (21:07) Axel Schneider, Leiter der befreiten OSZE-Beobachtergruppe, berichtet erstmals von der Geiselnahme. "Die Anspannung war enorm", schreibt der deutsche Oberst in einer vom Verteidigungsministerium verbreiteten Erklärung. Für sein Team habe es in den letzten Tagen eine "ständig steigende Bedrohung" gegeben. Nach Beginn der Offensive von Regierungseinheiten gegen die prorussischen Separatisten "kam sprichwörtlich das Feuer von Handwaffen und von Artillerie immer näher. Und wir waren hier zur Untätigkeit verurteilt."

    Zugleich beschrieb er seine Erleichterung über die Freilassung. "Von uns fällt im Moment ein beträchtlicher Druck", sagte Schneider. "Wir sind sehr froh, sehr glücklich, aber auch beträchtlich erschöpft." Der Zusammenhalt im OSZE-Team während der Gefangenschaft sei "ausgesprochen diszipliniert" gewesen. "Das hat uns durch die Tage gebracht."

  • (20:27) Die ukrainischen Einsatzkräfte haben in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk offenbar fast alle besetzten Verwaltungsgebäude eingenommen. Dabei seien mindestens sechs prorussische Separatisten getötet und 15 verletzt worden, teilte die Führung in Kiew mit. In der Gewalt der moskautreuen Milizen ist nach eigenen Angaben nur noch ein Behördengebäude der Stadt.

    Die Aktivisten würden sich nun in der benachbarten Stadt Slowjansk mit Barrikaden auf weitere Angriffe der Einsatzkräfte vorbereiten, teilte ein Sprecher der Separatisten mit. "Am Stadtrand ziehen die Regierungstruppen Panzerfahrzeuge zusammen", sagte der Sprecher. "Wir richten uns auf einen Sturm ein."

  • (19:58) Einer der freigelassenen OSZE-Militärbeobachter hat sich zu seiner Gefangenschaft in Slowjansk geäußert. Er habe sich mehrfach in Gefahr in gefühlt, sagte Major Krzysztof Kobielski vor Journalisten in Donezk. Drei Mal habe es eine reale Gefahr gegeben – Kobielski berichtete aber nur von einem einzelnen Vorfall, als die ukrainische Armee die von den Separatisten gehaltene Stadt angriff. "Als geschossen wurde, habe wir nicht mehr gesprochen, wir blieben auf dem Boden liegen", sagte er. "Um uns herum gab es hundert Männer, die mit Messern, Pistolen und automatischen Waffen bewaffnet waren."

    Ob auch Gefahr von den prorussischen Geiselnehmern ausging, sagte er nicht. Über die Bedingungen der Haft wollte er nicht sprechen. Der prorussische Milizenführer Wjatscheslaw Ponomarjow hatte die festgehaltenen OSZE-Mitarbeiter zunächst als "Kriegsgefangene" bezeichnet, dann aber gesagt, sie seien "Gäste" und keine "Geiseln". Dazu sagte Kobielski, es sei "schwer, sich als eingeladen zu fühlen, wenn man die ganze Zeit zur Bewachung Bewaffnete um sich hat". Weiter sagte er: "Meistens waren wir von Informationen abgeschnitten, wir wussten nicht, was um uns herum vor sich ging. Wir hatten keinen Zugang zu Internet oder Fernsehen."

    Kobielski lobte die Rolle des deutschen Chefs der Beobachtergruppe. Oberst Axel Schneider habe die Gruppenmitglieder immer wieder aufgefordert, miteinander zu sprechen, sagte er. "Wir haben uns darüber ausgetauscht, was mit uns und um uns herum passiert. Es gab auch Einzelgespräche. Wir haben uns gegenseitig unterstützt."

  • (18:55) Der russische Außenminister Sergej Lawrow warnt vor einer Welle der Gewalt. Am Telefon sagte er seinem deutschen Amtskollegen Steinmeier, er habe die Sorge, nach der Freilassung der Geiseln könnten die ukrainischen Truppen zum Großangriff übergehen – so teilte es das russische Außenministerium mit. Beide hätten ihre Bereitschaft bekundet, gleichberechtigte Verhandlungen zwischen der Kiewer Regierung und den "Repräsentanten" im Südosten des Landes zu ermöglichen. Diese Gespräche sollen unter der Führung der OSZE stattfinden.

  • (17:55) US-Außenminister John Kerry begrüßt die Freilassung der OSZE-Beobachter. Die USA seien "sehr zufrieden, dass die OSZE-Inspekteure heute freigelassen wurden", sagte Kerry. Dies sei ein Fortschritt. Um die Spannungen in der Ukraine abzubauen, müsse Russland aber mehr tun. Vor allem müsse es "seine Unterstützung für die Separatisten" aufgeben, sagte Kerry.

    Kerry telefonierte am Nachmittag mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow – der forderte seinerseits von den USA mehr Druck auf die Regierung in Kiew. Diese müsse ihre Militäroperationen im Südosten der Ukraine stoppen und ihre Truppen zurückzuziehen. "Die Offensive stürzt die Ukraine in einen Brudermord", sagte Lawrow nach Angaben seines Ministeriums. Die ukrainische Regierung führe einen "Krieg gegen das eigene Volk". Er forderte auch die OSZE auf, ihren Einfluss geltend zu machen, um einen Abbruch der Militäroperation zu erreichen.

  • (17:15) Die freigelassenen OSZE-Beobachter sind auf dem Weg nach Deutschland, teilt die OSZE-Mission in der Ukraine mit. Abends werden sie auf dem militärischen Teil des Berliner Flughafens Tegel erwartet.

  • (16:50) Bei neuen Gefechten in Slowjansk sollen mehrere Menschen getötet worden sein. Ein Sprecher der prorussischen Aktivisten sagte der Agentur Itar-Tass, elf Zivilisten und vier Bewaffnete seien ums Leben gekommen. Eine unabhängige Bestätigung gab es nicht. Die Separatisten behaupten, militante Ultranationalisten hätten im Schutz der Regierungstruppen auf unbewaffnete Bürger geschossen; im nahen Dorf Andrejewka seien am Vorabend zehn Menschen getötet und 40 verletzt worden.

  • (15:51) Die Bundesregierung dankt Russland für seinen Einsatz bei der Freilassung der OSZE-Beobachter in der Ostukraine. Er wolle sich "ganz herzlich für den persönlichen Einsatz von Wladimir Lukin" bedanken, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Lukin habe hart daran gearbeitet, die Gruppe aus Slowjansk herauszubringen.

  • (14:41) Der ukrainische Übergangspräsident Oleksander Turtschinow hat eine zweitägige Staatstrauer angeordnet – zum Gedenken "an die Helden, die während des Anti-Terroreinsatzes starben sowie an diejenigen, die bei dem tragischen Vorkommnissen in Odessa starben". Der 2. Mai sei ein tragischer Tag für die Ukraine, sagte Turtschinow.

  • (13:58) Das ukrainische Innenministerium meldet einen Erfolg in Kramatorsk: Die Sicherheitskräfte haben das Hauptgebäude des Geheimdienstes unter ihre Kontrolle gebracht. Die Zentrale war von prorussischen Rebellen besetzt worden.

  • (13:52) Polens Regierungschef Donald Tusk wirft Russland vor, einen unerklärten Krieg gegen die Ukraine zu führen: "Wenn die Opferzahlen in die Dutzende gehen, Schusswaffen im Einsatz sind und Hubschrauber abgeschossen werden, dann ist das eine bewaffnete Konfrontation, die nicht von Demonstranten, sondern von einem Staat, nämlich Russland, organisiert wird."

  • (13:23) Die Militärbeobachter sind wieder frei. Die Männer wurden an einem Kontrollposten nahe Slowjansk dem Generalsekretär des Europarats, Thorbjørn Jagland, übergeben.

  • (13:00) Russland appelliert an die Führung in Kiew, den Militäreinsatz gegen die Separatisten zu unterbrechen. "Die Volkswehr hat die Männer nicht gegen inhaftierte Gesinnungsgenossen ausgetauscht, sondern sie als Geste freigelassen", sagte der russische Sondergesandte Wladimir Lukin in Slowjansk. "Ich hoffe, dass diesem freiwilligen Schritt als Antwort eine ebenso edle Geste folgt. Wünschenswert wären das Einstellen der Kriegshandlungen und ein Dialog", sagte Lukin dem TV-Sender Rossija-24.

  • (12:41) Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder nennt die Freilassung der OSZE-Militärbeobachter einen "wichtigen Schritt zur Deeskalation, die nach den schrecklichen Ereignissen in Odessa dringender denn je ist". Die erneute Androhung von Sanktionen hingegen bewirke nichts: "Ständiger Dialog und direkte Gespräche auf gleicher Augenhöhe sind der Schlüssel zur Lösung des Ukraine-Konflikts." Nach Angaben von Schröders Büro hatte der Altkanzler mit Russlands Präsidenten Putin bei ihrem Treffen am 28. April über die OSZE-Beobachter gesprochen.

  • (12:33) Die wichtigsten Städte in der Ostukraine:



  • (12:24) In der ostukrainischen Stadt Kramatorsk kommt es zu schweren Kämpfen mit prorussischen Separatisten, wie ukrainische Sicherheitskräfte laut Nachrichtenagentur Reuters mitteilen. Die Stadt liegt südlich von Slowjansk, der Hochburg der prorussischen Separatisten.

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