Russland ist nach Einschätzung von Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen dabei, seine Soldaten aus dem Grenzgebiet zur Ukraine abzuziehen. "Unsere Schätzung ist, dass etwa zwei Drittel der russischen Truppen abgezogen wurden oder gerade abgezogen werden." Die Nato war von rund 40.000 russischen Soldaten an der ukrainischen Grenze ausgegangen. 

Der Nato-Russland-Rat wird am Montag in Brüssel zusammenkommen. Es ist das erste Treffen seit der Eskalation der Krise in der Ukraine. Die Nato hatte Ende März jegliche Zusammenarbeit mit Moskau bis auf weiteres eingestellt, jedoch angekündigt, die Arbeit des Nato-Russland-Rats weiterzuführen.       

Russland warf der ukrainischen Armee vor, bei ihren Einsätzen gegen die Genfer Konvention zum Schutz von Zivilisten in Kriegsgebieten verstoßen zu haben. Die Streitkräfte und ihre Verbündeten seien in der Region mit Waffengewalt gegen Zivilisten vorgegangen, sagte das russische Untersuchungskomitee. Die Ermittlungsbehörde beschuldigte die ukrainischen Einheiten unter anderem, bei Gefechten um den Flughafen von Donezk einen Krankentransport angegriffen und mindestens 35 Zivilisten getötet zu haben.

Jazenjuk fordert Westen auf, gegen Russland zu stehen

Die Regierung in Kiew kündigte an, der Kampf gegen die Separatisten werde bis zur vollständigen Befreiung des Ostens fortgesetzt. Der "Anti-Terror-Einsatz" gegen prorussische Separatisten werde erst nach einer vollständigen Stabilisierung der Lage beendet, sagte der kommissarische Verteidigungsminister Michail Kowal. "Wir werden weitermachen, solange die Region nicht normal lebt und arbeitet."

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk forderte den Westen auf, sich dem russischen Vorgehen in der Ostukraine entschlossen entgegenzustellen. "Russland nicht abzuschrecken, hätte desaströse Folgen", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Gleichzeitig warf Jazenjuk Moskau vor, für "Spannungen und Terroranschläge" im Osten der Ukraine verantwortlich zu sein. Für direkte Gespräche zwischen Russland und der Ukraine gebe es momentan kein Vertrauen. "Moskau wird immer falsch spielen."

Bewaffnete Kräfte im Osten der Ukraine hatten ein weiteres Beobachterteam der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in ihre Gewalt gebracht. Der Kontakt zu den vier internationalen Beobachtern und einem ukrainischen Übersetzer sei Donnerstagabend gegen 19.00 Uhr abgebrochen, teilte die OSZE mit. Ein anderes Team mit vier Beobachtern wird in der Ostukraine bereits seit dem 26. Mai vermisst. Berichte über deren angebliche Freilassung durch prorussische Separatisten in Luhansk wollte die OSZE nicht bestätigen. 

US-Außenminister John Kerry appellierte an Moskau, auf den neu gewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zuzugehen. Russland müsse mit Poroschenko zusammenarbeiten, um den Konflikt in der Ukraine zu deeskalieren, sagte Kerry nach Angaben des Weißen Hauses in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow. Er habe sich zugleich besorgt über Berichte geäußert, wonach ausländische Kämpfer, besonders aus Tschetschenien, über Russland in die Ukraine kommen.

Kompromiss im Gasstreit zeichnet sich ab

Im Gasstreit zwischen Moskau und Kiew zeichnete sich aus ukrainischer Sicht ein Kompromiss ab. Der ukrainische Versorger Naftogas habe 786 Millionen US-Dollar (576 Millionen Euro) zur Begleichung von Gasschulden überwiesen, sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger nach einem Treffen mit den Energieministern beider Länder in Berlin. Das mache eine Lösung wahrscheinlicher. "Wir haben heute noch kein abschließendes Paket, aber weitere Fortschritte erreicht", sagte er. "Insgesamt hat sich heute doch schon ein gewisser Kompromiss abgezeichnet", gab sich der ukrainische Energieminister Juri Prodan optimistisch.

Russland droht damit, der Ukraine von Dienstag an kein Gas mehr zu liefern. Das Land beziffert die ukrainischen Gasschulden auf 5,2 Milliarden US-Dollar. Russland ist aber bereit, die Verhandlungen mit Kiew am Montagnachmittag in Brüssel fortzusetzen, wenn die 786 Millionen US-Dollar bis dahin auf einem Konto des Versorgers Gazprom eingegangen sind.

Noch vor Beginn der Gespräche in Berlin hatte Russland erneut die Bereitschaft zu Rabatten signalisiert. "Wenn alle Vereinbarungen eingehalten werden, denke ich, dann kann sich der Preis dem europäischen annähern und bei etwa 380 Dollar (279 Euro für 1000 Kubikmeter) liegen", sagte der Vorsitzende des Energieausschusses in der Staatsduma, Iwan Gratschjow, der Staatsagentur Itar-Tass.