Vor gut drei Monaten brannte es in Kiews Zentrum. Feuer tobte auf den Barrikaden. Rauch stieg gen Himmel, vorbei an Gasmaskenträgern, Priestern, Studenten, Afghanistan-Veteranen, Schlägern, Großvätern und vielen anderen Molotowcocktailbauern. Die Toten lagen dazwischen.

Wer erahnen will, was die gestrige Präsidentschaftswahl bedeutet, muss sich an diese brutalen Ereignisse erinnern. Am 21. Februar suchten die Ukrainer in ihrer Hauptstadt dringend nach Särgen, sie brauchten hundert. Gestern suchten die meisten mit einem Glas in der Hand jemanden zum Anstoßen. "Dieser Tag ist der größte in der Geschichte der Ukraine", sagte Petro Poroschenko, der neue Präsident. Damit hatte er natürlich übertrieben, aber nur ein wenig.

Keine andere Nation Europas hat in den vergangenen Monaten so viel Trauer, Unruhe, Ungewissheit und Verleumdung verkraften müssen, wie die ukrainische. Bevor Ex-Präsident Janukowitsch nach Russland floh, wollte er die friedlich gestartete Demonstration in Kiew von Scharfschützen niederschießen lassen. Danach annektierte Russland die Krim-Halbinsel. Prorussische Separatisten übernahmen in Donezk und Luhansk die Macht.

In den Tagen vor dem Wahltermin war nicht klar, ob in der Ost-Ukraine ein Bürgerkrieg ausbricht und ob die vorgezogene Präsidentschaftswahl überhaupt stattfinden kann. Auch weil Russland seit dem Machtwechsel eine Propaganda-Kampagne fährt, die selbst nach sowjetischen Maßstäben außerordentlich ist.

Nicht nur in Russland setzte sich nach der Revolution die Meinung durch, in der Ukraine regierten Faschisten. Auch in Deutschland, (wo der Osten des Landes 1989 einen ähnlichen Volksaufstand erlebte), herrscht unter einigen Intellektuellen und selbst Politikern Verständnis für die russische Annexionspolitik. Die Linke machte damit Europawahlkampf. Gerhard Schröder warf sich Wladimir Putin an den Hals. Und Helmut Schmidt sagte vor wenigen Tagen der Bild-Zeitung, es gäbe gar kein ukrainisches Volk, das Land habe keine nationale Identität. Eine Aussage, die falsch ist, ein gesamtes Volk beleidigt und zur Propaganda des Kremls passt.

Die vergangenen Monate waren die tragischsten in der ukrainischen Geschichte seit dem Unglück von Tschernobyl 1986. An diesem Wochenende wurde es immerhin nicht noch schlimmer. Während die Mehrheit der Deutschen besseres zu tun hatte, als zur Europawahl zu gehen, drängten sich die Ukrainer vor den Wahllokalen, viele von ihnen warteten Stunden. In den besetzten Gebieten hinderten die Separatisten die Bürger, aber im Rest des Landes berichteten die fast 3.000 Wahlbeobachter von keinen erheblichen Beeinträchtigungen. Kein großer Terror-Anschlag gefährdete die Wahl.  Die Wahlbeteiligung betrug mehr als 70 Prozent, so viel wie noch nie.

Das ist ein starkes Zeichen für den Mitbestimmungswillen des Volkes. Jene, die sich im vergangenen November in EU-Flaggen gehüllt in Kiew versammelten, demonstrierten unter anderem für das Assoziierungsabkommen mit der EU. Jetzt gaben sie ihre Stimme für diese Richtungsentscheidung ab und sorgten für drei weitere Konsequenzen: