Was haben die neuen Machthaber nicht alles versucht, um das Volk zu mobilisieren. Ihre Helfer plakatierten im gesamten Land Bilder vom Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi. Das Regime erklärte das wichtigste Oppositionslager, die Muslimbrüder, pauschal zu Terroristen. Seit Monaten bejubelten die Medien den Präsidentschaftskandidaten.        

Als das nicht ausreichte, um die Massen zu mobilisieren, rief die Interimsregierung den zweiten Wahltag am Dienstag kurzerhand zum nationalen Feiertag aus. Sie zwang die Shopping Malls vorzeitig zu schließen, um die Menschen an die Urnen zu treiben. Allen, die zur Stimmabgabe nach Hause reisen mussten, versprach der Transportminister kostenlose Zugtickets.

Kurz vor Schluss wurde überraschend auch noch der Mittwoch zum Zusatzwahltag deklariert, während Lautsprecherwagen quer durch die Städte kreuzten und allen Nichtwählern eine Geldstrafe in Höhe eines durchschnittlichen Monatsgehaltes androhten.

Sissi hatte stets behauptet, sein Putsch gegen Vorgänger Mohammed Mursi sei vom Willen des Volkes getragen. Deshalb war es so wichtig, möglichst viele Wähler zu mobilisieren.  

Tricks bei der Wahlbeteiligung

Doch alle Tricks haben wenig gefruchtet: eine überzeugende Zustimmung zu Sissi blieb aus. Zwar erhielt Sissi ein prozentuales Ergebnis, wie man es sonst nur aus Nordkorea kennt: Für ihn stimmten laut Staatsfernsehen 96,2 Prozent der Wähler. Entscheidend aber war die geringe Wahlbeteiligung: Zuerst wurden 35 Prozent genannt, dann zauberte die Wahlkommission Millionen zusätzliche Wählerstimmen hervor, sodass offiziell die Wahlbeteiligung am Ende bei etwa 46 Prozent lag.

Ob das stimmt, darf bezweifelt werden: Viele Menschen berichteten in den sozialen Medien, dass die Wahllokale einzig am Montag mäßig gefüllt gewesen seien, am Dienstag und auch am Mittwoch dagegen seien sie weitgehend leer geblieben. Und so lag der reale Zuspruch wohl eher in der gleichen Größenordnung wie beim Verfassungsreferendum im Januar, als sich offiziell 38,2 Prozent der Ägypter beteiligten.

Lärmend feierten ein paar Tausend Sissi-Anhänger in Kairo ihren blassen Sieg. Auffällig aber war das Schweigen der Mehrheit: Kaum Reaktion von den offiziell verfemten Muslimbrüdern, auch die Demokratiebewegung blieb still. Dabei fühlen sich Millionen junger Leute verraten. Der Geist ihrer Tahrir-Revolution ist verschwunden. Sie sind überzeugt, dass mit den Machtmanövern der Armee die Mubarak-Ära zurückkehrt, mit all ihren Wirtschaftsbossen und Medienmagnaten.

Rachefeldzug gegen die Bevölkerung

Die seit dem 3. Juli 2013 herrschenden Machthaber aus Armee, Polizei, Justiz und Mubarak-Getreuen haben wohl etwa ein Drittel der Bevölkerung hinter sich. Ihre Macht ist nicht so gefestigt, wie ihre Dauerpropaganda glauben machen will.

Ihre Unterdrückung Andersdenkender hat für die moderne Geschichte Ägyptens beispiellose Ausmaße angenommen. Mehr als 41.000 Menschen sind nach der Zählung des Egyptian Centre for Economic and Social Rights (ECESR) seit dem Sturz von Mursi verhaftet worden. Die meisten Männer und Frauen in den Gefängnissen wissen nicht einmal, was ihnen vorgeworfen wird. Justizwillkür ist die Regel, genauso wie Massenfolter und sexuelle Übergriffe. Die Polizei führt einen Rachefeldzug gegen die eigene Bevölkerung.

"Sissi, das ist Qual und das ist Mühsal"

Seine politischen Pläne hält Sissi nach wie vor verborgen. Ein Wahlprogramm hat Sissi gar nicht erst veröffentlicht. In den wenigen TV-Interviews vor der Wahl präsentierte er seine Überzeugungen als eine Mischung aus traditioneller Staatsgläubigkeit, autoritärem Paternalismus und militärischer Charakterschule.

Neue Städte, Straßen, Wohnviertel und Flughäfen will der künftige Präsident aus dem Boden stampfen. Woher das Geld dafür kommen soll, ließ er offen. "Bevor ihr frühstückt, fragt euch erst einmal, was ihr heute für euer Land getan habt", belehrte Sissi junge Leute in einem dieser Auftritte. Der Staat habe nichts mehr zu verteilen, Ägyptens einzige Zukunftschance sei harte Arbeit. Die Leute dächten wohl, er sei ein weicher Typ, fügt er hinzu. "Nein, Sissi, das ist Qual und das ist Mühsal."