Es sind nur noch wenige Tage bis zur Wahl in Kolumbien, doch aus dem Wahlkampf ist auf den letzten Metern ein Schmierenstück geworden. Der stärkste Herausforderer des amtierenden Präsidenten steht auf einmal als hinterlistiger Falschspieler da. Seither diskutieren die Kolumbianer nicht mehr über die Programme der Kandidaten und die Lage im Land – weder über das marode Bildungssystem noch über die große Ungleichheit, den Arbeitsmarkt oder die Armut der Bauern. Stattdessen erregen sie sich über mutmaßliche Drogengelder, Hackerangriffe auf das Lager von Präsident Juan Manuel Santos, den Verrat von Militärgeheimnissen und kompromittierende Videos.

"Es ist eine schmutzige Kampagne", sagt Laura Wills Otero, Politologin an der Universität der Anden in Bogotá. "Die Kandidaten glauben, sie könnten sich so gegenseitig Stimmen abjagen. Und hinter allem steckt Uribe."

Ex-Präsident Álvaro Uribe Vélez schwebt über dem Wahlkampf wie ein Racheengel. Er selbst darf zwar nicht mehr für das höchste Regierungsamt kandidieren. Aber er hat einen Kandidaten im Rennen, Oscar Iván Zuluaga, von dem manche sagen, er sei bloß sein Strohmann.

Zuluaga ist der Mann, dessen Besuche bei einem Hacker, der Staatsgeheimnisse abfing und auch den amtierenden Präsidenten ausspionierte, kürzlich durch ein Video bewiesen wurden. Und der damit die Schlammschlacht auslöste.

Spähaktion gegen die Friedensgespräche

Den ersten Spionageskandal erlebten die Kolumbianer schon im Februar. Damals wurde bekannt, dass unter dem Decknamen "Andromeda" die Friedensgespräche der Regierung mit den Farc-Rebellen auf Kuba ausgespäht worden waren – mit einer Technik, die nur das Militär oder der Geheimdienst besitzen konnte. Schon damals gab es Spekulationen, Uribe habe die Spähaktion befohlen, weil er die Verhandlungen mit den Guerilleros ablehnt, die seit vielen Jahren mit Geiselnahmen und Drogengeschäften für Aufsehen sorgten. 

Belegt ist das nicht, aber die Vermutung liegt nahe. "Es gibt in der Regierung und in den Streitkräften immer noch viele Personen, die Uribe gegenüber loyal sind", sagt Angela Mejía, Politikredakteurin der regierungsnahen Tageszeitung El Tiempo. Und Uribe mobilisiert gegen die Friedensgespräche  wie er nur kann. Sein Vater, ein wohlhabender Großgrundbesitzer aus der Kaffeeregion östlich von Bogotá, wurde einst von Guerilleros ermordet. Seither führt sein Sohn einen persönlichen Kreuzzug gegen die "Terroristen", wie er sie nennt.

Zu den Paramilitärs hingegen pflegten viele seiner Gefolgsleute enge Beziehungen. Möglicherweise tat das auch Uribe, aber auch das ist nicht bewiesen.

Krieg oder Frieden?

Der jetzige Präsident Santos, der sich Hoffnungen macht wiedergewählt zu werden, war einst sein Kronprinz. Als Verteidigungsminister war er der Star in seinem Kabinett, Uribe selbst erkor ihn zu seinem Nachfolger. Doch dann emanzipierte Santos sich und suchte Friedensgespräche mit der Farc. Den "Verrat" verzeiht ihm Uribe bis heute nicht.

"Krieg" gegen die Guerilleros oder Frieden? Wofür sich die Kolumbianer entscheiden werden, ist die große Frage dieser Wahl. Santos verkörpert die Hoffnung auf einen Fortgang der Verhandlungen mit der Farc. Uribe und sein Kandidat Zuluaga sind strikt dagegen, solange die Guerilla nicht die Waffen niederlegt. Wenn sie das aber nicht tut, gibt es für die beiden nur einen Weg, mit der Farc und anderen Untergrundkämpfern umzugehen: mit militärischer Gewalt.

Lange lag Zuluaga in den Umfragen weit hinter dem amtierenden Präsidenten, aber zuletzt holte er auf. Die Zeitungen sehen nun sogar ein Patt zwischen den beiden Kandidaten und schreiben, dass Zuluaga in einem zweiten Wahlgang gute Chancen habe, gegen Santos zu gewinnen. Die anderen drei Kandidaten, eine Konservative, eine Linke und ein Grüner, rangieren in den Umfragen weit abgeschlagen.