Seit einigen Tagen befindet sich Polen politisch in einer Schockstarre, weil die Wochenzeitung Wprost illegale Aufnahmen von privaten Gesprächen polnischer Spitzenpolitiker öffentlich gemacht hat ("Du weißt, dass das polnisch-amerikanische Bündnis wertlos ist", wird etwa Polens Außenminister Radoslaw Sikorski zitiert). Bis auf wenige Ausnahmen handelt sich es dabei um den in plumper Sprache geführten Austausch von Meinungen und um ungeschickte Kommentare – nicht um Delikte. Doch die Veröffentlichung reichte aus, um das Land nicht nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch in Misskredit zu bringen.

Die Krise kommt zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Die Ukraine kämpft um ihr politisches Überleben und braucht Polens Unterstützung. Doch die Aufmerksamkeit der polnischen Öffentlichkeit wendet sich jetzt von Donezk und Slowjansk ab und fokussiert auf die aufgenommenen Wortwechsel. Einigen EU-Ländern mag das zupass kommen. Sie werden sicherlich nichts dagegen haben, dass die aufdringlichen "Ukraine-Versteher" aus Polen leiser werden – was eine Rückkehr zum "business-as-usual" mit Russland einfacher macht.

Die Aufnahmen tauchten ausgerechnet während der Verhandlungen über die Zusammensetzung der EU-Kommission auf. Es wäre gerade angesichts der Herausforderung aus Russland an der Zeit, dass ein Osteuropäer eine wichtige Position übernimmt; am besten die Führung der EU-Diplomatie oder der Energiepolitik. Polens Außenminister Sikorski ist dafür immer wieder im Gespräch gewesen. Auch in deutschen Medien wird das Engagement von "Mr. Perfect aus Polen" in der Ukraine geschätzt und die Zusammenarbeit mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gelobt.

Doch Sikorskis Verwicklung in die Affäre schwächt ihn. Mehr noch: Seine Äußerungen über die "wertlose" Allianz mit den USA haben der Beziehung mit der Supermacht geschadet – gerade als man hoffte, dass die Amerikaner ihre militärische Präsenz in Osteuropa ausbauen würden. Ebenfalls auf der Liste der außenpolitischen Schäden stehen Polens Vorstellung, die EU möglichst schnell von einer Energieunion zu überzeugen. Eine schwächelnde Regierung Tusk gibt den Gegnern dieser Pläne eine gute Gelegenheit, die polnischen Argumente auszuschlagen.

Ein Land frustrierter Europäer

All diese außenpolitischen Schäden sind schmerzhaft, aber nicht nachhaltig. Deshalb war es wichtig, dass die Regierung die Initiative ergriff und sich vom Parlament, dem Sejm, das Vertrauen aussprechen ließ. Mit dem Mandat kann Donald Tusk nach Brüssel fahren und sich zurückmelden im Spiel um die Zusammensetzung der EU-Kommission.

Der Chef der polnischen Regierung kann zudem mit der Solidarität vieler Politiker aus Europa und Amerika rechnen – besonders jener, die selbst Opfer von Lauschangriffen wurden, wie die US-Diplomatin Victoria Nuland oder die deutsche Kanzlerin. Langsam setzt sich die Tendenz durch, Indiskretionen einfach zu ignorieren. Wer erinnert sich noch an die derben Worte Nulands ("Fuck the EU")? Der politische Effekt war gleich Null.

Es gibt nicht nur in Polen Vermutungen, dass Moskau hinter dem Lauschangriff auf Polens Politiker steht. Tatsächlich scheint der große Nachbar im Osten Interesse daran zu haben, Polen zu schwächen und zu destabilisieren. Sollten Russlands Geheimdienste wirklich einen Anteil an der Krise haben, zeigte das, dass die Ukraine nur eine Vorspeise für den Kreml wäre. Das muss die EU und die USA wachsamer machen und sie dazu zwingen, sich intensiver in Osteuropa zu engagieren.

Warschau war bisher ein treuer und unkritischer Verbündeter der USA. Der Ausraster Sikorskis zeigt Polen von einer neuen Seite: Als ein Land frustrierter Europäer, die den Kontinent endlich mal stark sehen möchten. Das dürfte den Polen nicht schaden.  

Sebastian Płóciennik ist Analytiker im Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM)