Schön, wenn einem alle gleich versichern: "Wo wir jetzt hinfahren, ist es ist ganz friedlich!" "Da besteht überhaupt keine Gefahr!" Und wenn sie einem dann schnell noch eine 30-minütige Sicherheitseinführung zeigen und erklären, dass man keine Uhren bei sich haben sollte und auch kein Original vom Pass. Stimmt aber trotzdem: Der 4.000-Seelen-Ort Pindoba an der Nordostküste Brasiliens birgt für durchreisende Gäste keine Gefahr. Gefährlich leben hier viele Anwohner – vor allem die Schwächsten unter ihnen, Kinder und Jugendliche, und ganz besonders die Mädchen.

Auf dem Fußballplatz riecht es nach sattem Gras, heraufziehendem Regen und Holzfeuer aus den nahen Hütten. Zwei Mädchenmannschaften des Ortes – die einen in Lila, die anderen in Orange – treffen in der Mittagsschwüle aufeinander. Sie spielen zwei Halbzeiten zu je 20 Minuten, komplett mit bitteren Zweikämpfen und großem Gebrüll vom Spielfeldrand, wo die restliche Jugend des Dorfes sitzt. "Vor einem guten Jahr fanden viele Familien es noch undenkbar, dass die Mädchen Fußball spielen", sagt Elivanda Vieira; die 32-jährige arbeitet hier ab und zu als Trainerin. "Jetzt lernen sie mit jedem Spiel, dass Frauen stark sind, kämpfen und sich durchsetzen können."

Pindoba wurde von ehemaligen Sklaven gegründet, die Ortschaft liegt 40 Autominuten entfernt von der nächsten großen Stadt. Arbeit oder Unterhaltung ist hier kaum zu finden; die Gegend ist äußerst arm und voller sozialer Spannungen. Es gibt Gewalt in den Familien, Gewalt unter Jugendlichen, Drogenmissbrauch und Drogenverkauf; es kommt zu frühen Schwangerschaften im Teenager-Alter und manche Minderjährige prostituieren sich, um Drogen bezahlen zu können. Einige werden von ihren Familien auch in die nahe Stadt geschickt, wo sie zur Schule gehen und nebenbei als Hausangestellte arbeiten, in vielen Fällen sind sie dann wehrlos gegen übergriffige Arbeitgeber.

Aus all diesen Gründen wird hier jetzt Fußball gespielt. "Wir benutzen das Fußballspielen, um den Mädchen Selbstvertrauen zu geben", hatte mir Dirk Hegmanns im Vorgespräch erzählt, ein Sozialarbeitsexperte, der in Brasilien für das Kinderhilfswerk Plan International Projekte auflegt. "Aber wir nutzen den Fußball auch, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen."

Ins Gespräch kommen: Ja, das ist hier nicht einfach. "Wir mögen Fußball, aber die Jungs sagen, dass wir Mannsweiber seien", sagt eine zwölfjährige Spielerin, die kurz mal in der Spielpause an den Rand getrabt kommt; ihre Freundinnen kichern. Dann schielen sie gleich nervös zu den Sozialarbeitern von Plan International, sie achten ganz offensichtlich darauf, nichts vermeintlich Falsches zu sagen.

Das Fußballspielen wird einmal pro Woche angeboten, und dann gibt es immer noch einen zweiten Tag mit Programm, da nehmen die Mädchen an Gesprächskreisen teil, über Gewaltprävention zum Beispiel oder zur Sexualerziehung; sie lernen, wie man einen Streit schlichtet oder wo man sich meldet, wenn man nicht mehr weiter weiß. Wie gefällt euch der Unterricht? "Sehr wichtig alles." Was lernt ihr da so? "Dass man mit niemandem auf der Straße mitgeht und bei Kontakten im Internet aufpassen muss." Ob sie sich besser wehren können, seit sie Fußball spielen? "Gewalt schafft nur weitere Gewalt." Gibt es hier Drogenprobleme? "Jaaaa, allerdings!" sagen die Mädchen und schauen jetzt wirklich entgeistert drein, dass es irgendjemanden auf der Welt geben könnte, der das noch nicht weiß.