Es geschieht nicht oft, dass ein Politiker eine Niederlage so offen eingesteht, wie es David Cameron getan hat. "Heute war ich nicht erfolgreich", räumte der britische Premier unumwunden ein, nachdem die anderen EU-Regierungschefs Jean-Claude Juncker als nächsten Kommissionspräsidenten vorgeschlagen hatten. Nur Cameron und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hatten dagegen gestimmt. Manchmal, so Cameron, müsse man "eine Schlacht verlieren, um den Krieg zu gewinnen".

Auf den ersten Blick scheint die Sache also klar zu sein: Der Brite hat verloren und diejenigen, die nach der Europawahl darauf gepocht haben, dass einer der europaweiten Spitzenkandidaten auch Kommissionschef werden müsse, haben gewonnen. Am 16. Juli wird das neu gewählte Europaparlament abstimmen; eine Mehrheit für Juncker darf als sicher gelten. Auch Cameron hat vorsorglich angekündigt, dass die britische Regierung selbstverständlich auch mit dem Luxemburger an der Kommissionsspitze zusammenarbeiten werde.

Alles in Ordnung, könnte man also meinen. Zwei Verlierer, viele Gewinner – so geht es zu, wenn Politik gemacht wird. Nur, wie viele solcher Niederlagen kann sich ein Regierungschef in Brüssel leisten, ohne zu Hause das Gesicht zu verlieren? Und wie viele solcher Schlachten verträgt die ohnehin in den vergangenen Jahren aufgeraute Union, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen?

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Politik in der EU folgt anderen Gesetzen als in den vertrauten, nationalstaatlichen Zusammenhängen. Es gibt mehr Mitspieler, mehr Empfindlichkeiten, mehr Interessen, die aufeinander prallen – und in der Folge einen noch größeren Zwang zum Kompromiss und Miteinander.

Camerons Niederlage ist das Ende eines ehernen Prinzips

Aus gutem Grund haben die Regierungschef in den vergangenen sechs Jahrzehnten bei großen, wichtigen Entscheidungen – und Personalfragen gehören zweifelsohne dazu – fast immer einstimmig entschieden. Sieg und Niederlage sind eigentlich keine Kategorien europäischer Politik. Alle Beteiligten müssen ihr Gesicht wahren können – das war bislang ein ehernes Prinzip.

Camerons Niederlage ist daher keine Kleinigkeit. Nicht für ihn selbst, aber auch nicht für die EU als Ganzes. Natürlich hat es der Brite seinen Kollegen in den vergangenen Wochen schwer, vielleicht sogar unmöglich gemacht, einen Kompromiss zu finden. Aber wenn Angela Merkel nun versucht, den Eindruck zu erwecken, es sei gar nichts geschehen – eine Abstimmung halt – tut sie das wider besseren Wissens.

Der Versuch, die europäische Politik mit Spitzenkandidaten zu beleben und den Bürgern in Brüssel so mehr Mitsprache zu verschaffen, ist im Grundsatz richtig. Aber auch eine richtige Idee kann schwerwiegende Nebenfolgen haben. Und manchmal sind die Nebenfolgen so stark, dass sie die Idee selbst aufzuzehren drohen.

Kein Triumph sondern Gefahr für die Demokratie

Vor allem die Europaabgeordneten feiern die Nominierung des ehemaligen Spitzenkandidaten Juncker nun als einen "Wendepunkt der europäischen Demokratie" (so hat es der amtierende Parlamentspräsident Gianni Pittella gestern vollmundig verkündet). Und damit als einen großen Schritt auf dem Weg zur weiteren politischen Integration der EU. In Wahrheit hat lange keine Auseinandersetzung mehr den europäischen Zusammenhalt so sehr infrage gestellt wie diese. Ein großes, wichtiges Mitgliedsland der EU ist isoliert; das Risiko für einen Austritt Großbritanniens wächst; auch andere Länder müssen künftig fürchten, im Europäischen Rat überstimmt zu werden. Wenn das ein Fortschritt ist, ist es ein ziemlich gefährlicher.

Jean-Claude Juncker hat bereits im Wahlkampf angekündigt, als Kommissionspräsident wolle er einen "fairen Deal" mit Großbritannien aushandeln. Cameron selbst hat sich in Brüssel als aufrechter Verlierer und kompromissloser Kämpfer präsentiert. Die Auseinandersetzung der vergangenen Tage, so der Brite, habe ihn in der Überzeugung bestärkt, dass sich die EU verändern müsse. In welche Richtung, auch daran hat Cameron keinen Zweifel gelassen: "I want us to get out of the ever closer union." Großbritannien will nicht länger Teil einer immer engeren Union sein.

Der Triumph der europäischen Demokratie könnte sich noch als ein schwarzer Tag für die europäische Integration erweisen.