David Cameron lässt nicht locker. Er ist damit im Begriff – Brasilien lässt grüßen– ein veritables politisches Eigentor zu schießen.

Der britische Regierungschef will partout verhindern, dass Jean-Claude Juncker neuer Präsident der EU-Kommission wird. Cameron führt die Kampagne gegen den Luxemburger mit einer Inbrunst, die ahnen lässt, dass ihm innenpolitisch das Wasser bis zum Hals steht. Mit dem Wohl Europas haben seine Schmähungen gegen Juncker jedenfalls nichts zu tun.

"Nichts gegen Herrn Juncker", schreibt er gönnerhaft in einem Zeitungsbeitrag, um dem Ex-Premier dann kräftig in die Kniekehlen zu treten: "Wir müssen uns darauf konzentrieren, den besten Kandidaten zu finden. Jemanden, der Reformen durchsetzen kann. Der Wachstum und Beschäftigung fördert." Warum er das Juncker nicht zutraut? Bei Cameron gibt es keinen einzigen Grund, kein überzeugendes Argument. Nur das übliche Ressentiment: Altes Europa!

Damit beleidigt der britische Premier nicht nur die christdemokratischen und konservativen Parteichefs, die Juncker zum Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP) gekürt haben; er stößt auch die Fraktionen im Europaparlament vor den Kopf, die sich – von der EVP über die Sozialdemokraten bis zu den Grünen und Liberalen – allesamt hinter Juncker gestellt haben. Aus Gründen allerdings, die wenig mit dem Kandidaten selbst zu tun haben und viel mit einem Machtkampf zwischen dem Europäischen Parlament und dem Rat der Staats- und Regierungschefs.

Es bleibt Camerons Geheimnis, wie er seinen einsamen Kampf gegen Juncker gewinnen will. Einer seiner Berater sollte dem britischen Premier sagen, dass er gerade kräftig überzieht. Selbst Angela Merkel hat er inzwischen gegen sich aufgebracht. Dabei war die Kanzlerin doch bisher seine wichtigste Verbündete im Kampf für eine reformierte EU.

Aber Cameron vermochte es nicht, seine eigene Partei, die Tories, im Europäischen Parlament davon abzuhalten, die Abgeordneten der Alternative für Deutschland in ihre Fraktion der "Europäischen Konservativen und Reformer" aufzunehmen. Merkel wurde auf offener Bühne düpiert. Damit ist die Wahl Junckers zum neuen Kommissionschef praktisch gesichert. Und das ist eine gute Nachricht. Denn damit wird dem Ergebnis der Europawahl Rechnung getragen. Die Chance einer überfälligen Demokratisierung der europäischen Institutionen bleibt gewahrt.

Mit seiner Brachialopposition hat David Cameron erreicht, was er verhindern wollte: Er stärkt das Europäische Parlament. Sogar im Kreis der Staats- und Regierungschefs hat er sich isoliert. Traurig sollte man darüber nicht sein. Denn mit Ressentiments baut man kein neues Europa. Man gewinnt damit, wie Cameron bald merken wird, auch keine neuen Wähler. Möge er aus dem von ihm selbst angerichteten Schaden klug werden.