Vier in einem Boot – das sollten die Bilder vom idyllischen Harpsund-See am Landsitz des schwedischen Ministerpräsidenten Frederik Reinfeldt suggerieren. Doch nicht einmal die vier konservativen Regierungschefs aus Stockholm, London, Berlin und Den Haag, die sich zwei Tage lang in der schwedischen Sommerlandschaft trafen, rudern politisch in eine Richtung.

Angela Merkel hält gegen heftigen britischen Druck an Jean-Claude Juncker als künftigem EU-Kommissionspräsidenten fest. Spät erst hat sie sich, gegen erkennbare innere Zweifel, für Juncker entschieden. Aber jetzt laviert sie nicht länger, sondern sagt: "Ich will es so."

Alles andere wäre auch ein unverzeihlicher Fehler. Denn es geht nicht allein um eine Personalie, es geht um eine politische Richtungsentscheidung. Denn der Gegenspieler, der britische Premier David Cameron, streitet nicht nur für Reformen im Brüssel der Bürokraten. Er möchte den weiteren Prozess der europäischen Einigung stoppen.

Cameron macht daraus überhaupt kein Geheimnis: Er will nicht weniger, als das Ziel der "ever closer union", der "immer engeren Union der Völker Europas", aus den Verträgen streichen.

Gegen diese Abkehr vom europäischen Einigungsgedanken steht nun allerdings der "Integrationist" Juncker. Und mit ihm glücklicherweise die deutsche Politik in ihrer überwältigenden Mehrheit. Manfred Weber, der neue Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament, wohlgemerkt ein CSU-Politiker, sagt es so: "Die EU ist auf eine immer engere Union der europäischen Völker angelegt. So steht es in den Verträgen. Das ist für uns nicht verhandelbar. Wir können nicht die Seele Europas verkaufen." Und deshalb, ergänzt Weber, stehe seine Fraktion "voll" hinter Juncker.

Wie sollte man sonst auch den Bürgern erklären, dass man nach der Wahl das Gegenteil dessen macht, was man vor der Wahl verkündet hat? Nämlich, dass die Spitzenkandidaten der Parteien deren Anwärter auf das Amt des Kommissionschefs seien. Wollen die Staats- und Regierungschefs kassieren, was sie als Parteichefs – meistens sind sie ja beides in Personalunion – versprochen haben?

Sie würden dem europäischen Projekt erheblichen Schaden zufügen. Zu Recht ist seit vielen Jahren das Demokratiedefizit in der EU beklagt worden. Bei der Wahl am 25. Mai aber, jeder konnte es spüren, ging es erstmals um etwas – nicht nur wegen der europaweit gekürten Spitzenkandidaten, sondern paradoxerweise auch wegen des furiosen Wahlkampfes der Europagegner und Europaskeptiker.

Diese Wahl hat Europa aus der Routine gerissen, sie könnte der Beginn des lange geforderten Demokratisierungsprozesses sein. Das Ziel: mehr Kontrolle, Transparenz, mehr Rechenschaft. Ausgerechnet jetzt sollen die Entscheidungen wieder in die Hinterzimmer zurückverlegt werden? Mehr "altes Europa" geht nicht!

Also, nehmen wir die Kanzlerin beim Wort. Das Europaparlament aber möge sich bitte nicht zum Narren halten lassen und das kleine bisschen Machtzuwachs, das ihm mit dieser Wahl zugewachsen ist, nach Kräften verteidigen.

Diejenigen, die behaupten, sie wollten Europa erneuern, wollen in Wahrheit  weniger Europa. Vor allem wollen sie eines: weniger Demokratie wagen.