Gestern schrieb an dieser Stelle Matthias Nass über die Juncker-Cameron-Kontroverse. Europas Regierungschefs, so argumentierte der Kollege, sollten auf keinen Fall auf die EU-Reformwünsche des britischen Premierministers eingehen. David Cameron wolle "den weiteren Prozess der europäischen Einigung stoppen" – richtig hingegen sei der Kurs, den Jean-Claude Juncker verkörpere: die "ever closer union", die immer engere Union.

Endlich einmal, und nicht nur theoretisch, haben wir einen gepflegten Streit über Europa. Im Interesse dieses Streits darf die Position von Matthias Nass natürlich nicht unwidersprochen bleiben.

Die britischen Pläne als "Stopp" der Integration zu bezeichnen, ist eine Karikatur. Richtig ist, dass sich Cameron, und nicht nur er, gegen den Zwang zu einer ever closer union stellt. Das wird auch höchste Zeit. Da hören die Ideen für einen Frühjahrsputz der EU allerdings keineswegs auf. Dazu gleich mehr.

Dass die ever closer union noch immer als programmatische Ansage in den EU-Verträgen steht, war und ist ein Unding. Formal wie inhaltlich. Verträge, die die Kompetenzen zwischen Nationalstaaten und EU-Institutionen festschreiben, schreiben zugleich vor, dass die EU-Institutionen immer mächtiger werden sollen? Schon technisch ist das befremdlich. Und würde irgendjemand heute noch eine Verfassung akzeptieren, die dem Staat ein politisches Fernziel auferlegt, über das keine Diskussionen mehr stattzufinden haben? Seit 1989 doch wohl nicht mehr.

Wenn der CSU-Mann Manfred Weber, neuer Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP) im EU-Parlament, sagt, die immer engere Union der europäischen Völker "ist für uns nicht verhandelbar. Wir können die Seele Europas nicht verkaufen", verwechselt er eine Kleinigkeit. Europas Seele ist die Verhandlung. Es gibt, jenseits des Demokratie- und Menschenrechtsfundaments, nichts Unstreitiges. Die Zeit der Dogmen ist zum Glück vorüber, auch für die EU.

Auf nichts anderes als auf diese Selbstverständlichkeit hat, nach 60 Jahren EU-Wachstums (und Wildwuchses), dieser Beelzebub David Cameron hingewiesen, aber, siehe an, auch seine schwedischen und niederländischen Amtskollegen, ja sogar Angela Merkel, François Hollande und Matteo Renzi, der neue italienische Ministerpräsident. Sie alle wollen Reformen. Sie alle deuten die jüngsten Europawahlen als Signal, dass sich etwas Grundsätzliches ändern muss.

Nennen wir es eine prozedurale Notwendigkeit, dass die Mehrheit der EU-Regierungschefs zugleich Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident unterstützt, den Mann, der für eine EU steht, die Kritiker als Skeptiker brandmarkt oder gleich als Europa-Feinde. Der ausrangierte luxemburgische Premier ist nun einmal aus der Europawahl als Sieger hervorgegangen – aber das wäre wahrscheinlich auch ein Blumentopf, wenn die EVP ihn als Spitzenkandidaten nominiert hätte. Die Mehrheit der Europäer wählt konservativ, seit Langem. Daraus den Schluss zu ziehen, die Mehrheit der Europäer sei mit einer EU á la Juncker einverstanden, ist einigermaßen verwegen. Den Urfehler dieser Europawahlen hat das Europaparlament begangen, als es einen Mann von Gestern für Europas Zukunft nominierte. Das ist nun nicht mehr zu ändern.

Der beste Weg, diesen Fehler zu korrigieren, ohne das zarte Pflänzlein der europäischen Demokratie zu beschädigen, wäre es, parallel zur Juncker-Inthronisierung eine ehrliche Bilanz über Fehlentwicklungen und Besserungsmöglichkeiten der EU zu ziehen. Falsche Integration lässt sich kaum mit noch mehr Integration heilen. Europa muss sich ohnehin reformieren, um aus dem Provisorium der Euro-Rettung eine strikt abgestimmte Wirtschaftsunion zu machen. Die Chance besteht jetzt darin, das Notwendige mit dem Neuem zu verbinden.

Die Neustart-Vorschläge der Briten lassen sich in vier Punkten zusammenfassen: mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Flexibilität, mehr europäische Mitsprache durch die nationalen Parlamente – und mehr Kompetenzen zurück an die Nationalstaaten. Die niederländische Regierung erklärte bereits im letzten Jahr, "die Zeiten einer ever closer union in jedem möglichen Politikbereich liegt hinter uns", und legte 54 ausdrückliche Empfehlungen vor, in welchen Politikbereichen die EU künftig weniger und wo sie mehr leisten könne. Das alles ist kein Stopp, es ist ein Voran, nur anders als bisher, unideologischer.

Europa-Romantikern mag das alles ketzerisch vorkommen. Aber Europas Geschichte ist voll von Ketzern, die letzten Endes Recht hatten, als sie auf die Schwächen von Glaubenssystemen deuteten. Hätte man mal weniger von ihnen verbrannt.