Für einen kurzen Augenblick, nur ein paar Tage, hätte man die Ukraine glatt vergessen können. Europa war mit anderen Dingen beschäftigt, mit den Folgen der Europawahl und dem großen Spiel um den nächsten Kommissionspräsidenten. Nun gut, im Osten der Ukraine herrscht Krieg, aber daran kann man sich gewöhnen. Das hat man etwa in Syrien ja auch getan.

Vielleicht ist daher dies die wichtigste Nachricht, die das Treffen der sieben führenden Industrienationen in Brüssel gebracht hat: Nichts ist gut in der Ukraine, die Probleme dort sind noch lange nicht gelöst. Ebenso wenig die Probleme mit Wladimir Putin. Die erfolgreiche und überraschend problemlose Wahl eines neuen ukrainischen Präsidenten vor zehn Tagen war bestenfalls ein Anfang. Ein erster Schritt auf dem Weg, die Kämpfe zu beenden und die Grundlagen für eine neue politische Stabilität in der Ukraine zu legen – jedenfalls aus der Sicht des Westens. Denn ob der russische Präsident diese Ziele teilt, vermag bis heute niemand zu sagen.

Die zweite wichtige Botschaft, die von Brüssel ausgeht, ist deshalb das Signal, dass sich Europa und Amerika – ergänzt in diesem Fall um Kanada und Japan – nicht auseinandertreiben lassen. Es ist in diesen Tagen oft gesagt worden, dass dies seit 15 Jahren das erste Treffen der großen Industrienationen ohne Russland sei. Ursprünglich war die Zusammenkunft nicht nur mit Russland, sondern sogar in Russland – in Sotschi – geplant. Dass Obama, Merkel und Co. sich nun allein getroffen haben, ist daher mehr als nur ein Symbol.

Eine ausgeklügelte Choreografie

Das Treffen macht deutlich: Hinter dem Wechsel von G 8 zu G 7 verbirgt sich eine neue politische Ordnung. Wie lange diese andauern wird, ist vollkommen offen. Auf die Frage, ob es vorstellbar sei, dass Deutschland als Gastgeber des nächsten Treffens Russland wieder einladen werde, antwortete Angela Merkel in Brüssel kühl: Man habe darüber nicht gesprochen, erst einmal gebe es jetzt die G 7.

Diese neue politische Ordnung wird oft als eine Rückkehr zur alten Ordnung, als eine Art neuer Kalter Krieg, beschrieben. Doch der Vergleich führt in die Irre. Russland mag mit China neue Verträge über Gaslieferungen schließen. Aber es gibt in dieser Auseinandersetzung keinen Staatenblock, den Moskau hinter sich versammeln könnte. Und der Westen, insbesondere Europa, reagiert auf die militärische Provokation Moskaus so unkriegerisch, wie man es sich nur vorstellen – und wünschen – kann. Ein paar zusätzliche Manöver der Nato im Osten, das war's.

Diplomatie ist ein kleinteiliges, mühsames Geschäft. Der G-7-Gipfel ist Teil einer ausgeklügelten Choreografie. Erst der Besuch Obamas in Polen und die Versicherung, dass man die Ängste der osteuropäischen Partner ernst nimmt. Nun die erneute Drohung der G 7, Sanktionen gegebenenfalls zu verschärfen, verbunden mit der konkreten Forderung an Wladimir Putin, den neuen ukrainischen Präsidenten und damit die Wahl in der Ukraine anzuerkennen. Am Freitag in der Normandie die Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten, gemeinsam mit dem russischen und dem neuen ukrainischen Präsidenten. Und am Samstag schließlich die Vereidigung Petro Poroschenkos in Kiew.

Viele Termine, viel Zeit für Gespräche und, immerhin, ein Fortschritt: An der Amtseinführung in Kiew soll auch der russische Botschafter in der Ukraine teilnehmen. Vielleicht ist es nur ein Zufall, dass diese Nachricht aus Moskau eintraf, noch während die sieben Regierungschefs in Brüssel zusammen saßen. Vielleicht ist es aber auch ein Indiz dafür, dass die Geschlossenheit des Westens Wladimir Putin nicht vollkommen kalt lässt.