Die Planen gegen die brennende Sonne waren noch nicht fertig aufgespannt, da zogen schon die ersten Flüchtlinge ein in das neue Camp. 1.000 große Zelte haben das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und andere Hilfsorganisationen in diesen Tagen in der Nähe der Stadt Duhok im Nordirak errichtet für diejenigen, die sich vor den islamistischen Kämpfern der Isis in Sicherheit bringen wollen.

Der Isis-Vormarsch hat innerhalb von wenigen Tagen Hunderttausende vertrieben. Allein in der vergangenen Woche sind nach Angaben des UNHCR 300.000 Menschen in den kurdischen Nordirak geflohen. Hinzu kommen diejenigen aus Syrien. Salah Ahmed arbeitet für die Menschenrechtsstiftung Jiyan und war bis einen Tag nach der Eroberung Mossuls selbst in der Region unterwegs. Er sagt: "Wenn das so weitergeht, gibt es einen Kollaps." Die kurdische Regierung allein sei mit der Situation überfordert, mahnt Ahmed.

Für die Kurden im Nordirak ist die Eskalation Bedrohung und Chance zugleich: Einerseits müssen sie ihre Heimat gegen die islamistischen Kämpfer verteidigen und noch dazu mit der Herausforderung der vielen Flüchtlinge umgehen. Andererseits ermöglicht ihnen das jetzige Chaos, mehr Macht und Einfluss zu gewinnen. Ausgerechnet die in der Region seit Jahrzehnten marginalisierte Bevölkerungsgruppe könnte zur Ordnungsmacht werden.

Jetzt sind die Kurden da – und werden wohl bleiben

Dafür stehen vor allem die "Peschmerga", die Kämpfer der nordirakischen Kurden-Regierung. Sie kontrollieren das Gebiet rund um das Camp bei Duhok. Überhaupt wird der Teil des Iraks, den sie beherrschen, immer größer. Rospin Baito, ein Mitarbeiter von Jiyan in Duhok, sagt, dank der Peschmerga sei alles ruhig. "Wir glauben an sie."

Seit die Isis-Kämpfer vergangene Woche Teile des Nordirak erobert haben, und sich die reguläre irakische Armee aus vielen Städten freiwillig zurückgezogen hat, sind die Kurden dort zur Hoffnung auf Sicherheit und Ruhe geworden – für Hunderttausende Flüchtlinge ebenso wie für diejenigen, die sich aus der Ferne fragen, wer sich den islamistischen Kämpfern entgegenstellt. 

Vor etwa einer Woche haben die Peschmerga die Kontrolle über die Stadt Kirkuk im Nordosten des Landes übernommen. Die Soldaten der irakischen Armee waren geflüchtet, als die Kämpfer von Isis näher rückten. Kirkuk ist gleich in doppelter Hinsicht ein Zeichen für den Machtzuwachs der Kurden. Die Stadt ist wertvoll, etwa 13 Prozent des irakischen Ölvorkommens liegen dort. Und Kirkuk ist jene Stadt, die sich die nordirakischen Kurden immer gewünscht haben. "Bislang hatte niemand den Mut, die Provinz zu erobern", sagt Irak-Experte Falko Walde von der Friedrich-Naumann-Stiftung. "Der Versuch hätte wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg geführt." Nun aber haben die kurdischen Truppen das Machtvakuum genutzt, das Isis verursacht hat. Das Einverständnis der irakischen Regierung haben sie sich erst nachträglich geholt. "Jetzt sind die Kurden da, und ich bezweifle, dass sie wieder weggehen", sagt Walde.