Moktada al-Sadr stimmt versöhnliche Töne an. Der frühere Schiitenrebell mit zorniger Mine, bekannt für wortgewaltige Propagandareden, fordert nun die sofortige Bildung einer Einheitsregierung, um der Bedrohung im Irak politisch zu begegnen. Seine Forderung kommt einen Tag nachdem der amtierende Premierminister Nuri al-Maliki dies abgelehnt hat und einen Rücktritt von seinem Posten strikt zurückweist.

Al-Sadr, mit dessen Unterstützung Al-Maliki vor vier Jahren seine zweite Amtszeit als Regierungschef bekam, hat sich inzwischen mit ihm überworfen, nennt ihn einen Diktator und reicht den Sunniten seine Hand: "Eine irakische Regierung muss den legitimen Rechten der moderaten Sunniten gerecht werden, die ausgeschlossen und marginalisiert sind." Er wolle neue Gesichter in einer Einheitsregierung. Soll heißen, er werde Al-Maliki nicht in seinem Streben nach einer dritten Amtszeit unterstützen. Der Premier hatte bei den Wahlen am 30. April zwar die meisten Stimmen gewinnen können, eine regierungsfähige Mehrheit hat er nicht.

Doch die Menschen in Bagdad trauen den moderaten Tönen al-Sadrs nicht: "Jaish al-Mahdi ist zurück!", hört man seit dem vergangenen Wochenende überall in der irakischen Hauptstadt: "Die Bluthunde Moktada al-Sadrs sind wieder da!" In Uniformen, die der irakischen Armee gleichen, schwarzen Trainingsanzügen oder langen Gewändern mit Turban, schritten die schiitischen Kämpfer zu Tausenden durch die Straßen von Sadr-City, dem mit über zwei Millionen Einwohnern größten Bezirk Bagdads, wo fast nur Schiiten wohnen. Ein durchdringendes Kampfgeschrei, Trommeln unterstrichen den Kampfeswillen. Man sei bereit, Isis die Stirn zu bieten, hörte man allenthalben: "Wir werden sie niedermetzeln!" Mit Gewehren, Pistolen, Granaten und Molotowcocktails.

Ihr erstes Ziel ist Samarra. Dort wollen sie der sunnitischen Terrororganisation "Islamischer Staat im Irak und Syrien" zuerst begegnen, um die für Schiiten heilige Moschee zu schützen. Das gibt den Kämpfern die nötige Motivation. Großajatollah Ali al-Sistani hatte erneut dazu aufgerufen, in den Kampf gegen den Feind zu ziehen, der die heiligen Stätten und die Einheit Iraks bedrohe. Schiitenführer Moktada al-Sadr hat dafür seine Miliz "Mahdi-Armee" wieder aufleben lassen. Die Mobilmachung ist abgeschlossen. Die Schiiten sind nun zu allem bereit.

"Wir in Sadr-City müssen zusammenhalten"

Razul Mohammed ist 26 Jahre alt, trägt eine schwarze Hose, ein ebenfalls schwarzes T-Shirt und eine schwarze Schärpe, die um seinen Bauch gebunden ist. Symbolisch hält er einen Dolch fest, der seine Kampfbereitschaft demonstrieren soll. Die Uniform der irakischen Armee hat er ausgezogen. Sie hängt zu Hause im Schrank. Diesem "Chaotenhaufen", wie er die Truppe charakterisiert, will er nicht mehr angehören. Keine verlässlichen Kommandostrukturen, ständige Verfügbarkeit, willkürliche Befehle und schlechte Ausrüstung machten ihm das Leben in den vergangenen fünf Jahren immer schwerer. Zwar wurde der junge Schiit noch von den Amerikanern zur Anti-Terrorausbildung nach Jordanien geschickt. "Aber was nützt das technische Know-how, wenn dann keiner der Vorgesetzten es richtig einsetzen kann", beklagt er.

Als die Mahdi-Armee von Moktada al-Sadr gegründet wurde, war Razul 15 Jahre alt. Zu jung, um zu kämpfen, meinte sein Vater damals und verbot ihm, der Schiitenmiliz beizutreten. "Wir in Sadr-City müssen zusammenhalten", begründet Razul nun sein Engagement in der wiederbelebten paramilitärischen Truppe. Und tatsächlich ist Sadr-City zum Inbegriff eines Machtfaktors geworden, dem manche Anerkennung zeugen, der viele aber abschreckt. Denn von dort kommen die "Shrugis", wie der Rest Bagdads die Bewohner des Armenviertels nennt: minderbemittelt und ungebildet.

Als "Friedensbrigade", will Moktada al-Sadr den jetzigen Aufmarsch verstanden wissen und versucht, sich so vom unrühmlichen Ruf seiner "Armee" in der Vergangenheit zu distanzieren. Die Mobilisierung seiner ehemaligen Kämpfer sei vor allem dazu gedacht, die heiligen Stätten vor den Terroristen zu schützen, so ein Sprecher al-Sadrs bei der Parade. Doch was in Sadr-City geschieht, ist die Wiedergeburt einer Ära, die die Bagdader für längst überwunden glaubten. Politische Beobachter in der Hauptstadt gehen davon aus, dass damit der Konflikt weiter eskaliert und ein schnelles Ende in weite Ferne rückt.