Die Türkei hat nach der Entführung von insgesamt 80 Staatsbürgern im Irak den Natorat einberufen. Dies berichten mehrere Medien unter Berufung auf das türkische Außenministerium. Es habe sich ausdrücklich nicht um ein Treffen nach Artikel 4 des Nordatlantikvertrags gehandelt, der eine Bedrohung der Sicherheit eines Bündnismitglieds regelt.

In der nordirakischen Stadt Mosul hatten Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) am Nachmittag das türkische Konsulat gestürmt.  Nach türkischen Regierungsangaben haben die Terroristen dabei 48 Menschen gefangen genommen. Darunter befinden sich nach übereinstimmenden Angaben der türkische Konsul, drei Kinder und Angehörige der Spezialkräfte. Sie seien allesamt unverletzt und seien auf einen Stützpunkt der Isis gebracht worden. Ein Vertreter der türkischen Regierung sagte, man sei in direktem Kontakt mit den militanten Gruppen in Mosul.

Das Auswärtige Amt hat wegen der Kämpfe Bundesbürger in drei Landesteilen zur sofortigen Ausreise aufgefordert. Betroffen seien die Provinzen Ninive, Anbar und Salah Al-Din, erklärte das Ministerium am späten Mittwochabend. Es sei mit bewaffneten Auseinandersetzungen und Anschlägen zu rechnen. Die Lage in den Provinzen Dijala und Kirkuk im Nordosten des Landes sei ebenfalls äußerst besorgniserregend, hieß es in der Warnung.

Insgesamt befinden sich jetzt mehr als 80 Geiseln in den Händen der Terroristen. Am Vortag waren laut Medienberichten über 30 türkische Lkw-Fahrer in Mosul von Islamisten entführt worden. Der türkische Außenminister Ahmed Davutoglu warnte die Extremisten davor, den Geiseln etwas anzutun. Niemand solle die Stärke der Türkei auf die Probe stellen, sagte Davutoglu.

Die Isis-Kämpfer gehen im Irak weiter mit Härte vor. Am Mittwoch übernahmen die Islamisten die Kontrolle über weitere strategisch wichtige Städte. Die Polizei in Tikrit meldete, auch die ostirakische Stadt sei nun unter Kontrolle der Isis. Beamte meldeten, der dort ansässige Gouverneur werde vermisst. Tikrit liegt 160 Kilometer vor Bagdad und ist die Geburtsstadt des früheren Machthabers Saddam Hussein. 

In Samarra, das 100 Kilometer von Bagdad entfernt liegt, lieferten sich am Abend Islamisten und irakische Einsatzkräfte schwere Gefechte. Die Isis-Kämpfer setzten Lastwagen ein, auf denen Maschinengewehre montiert waren. In Samarra befindet sich das Al-Askari-Mausoleum, eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten. Seine goldene Kuppel wurde Anfang 2006 durch ein Bombenattentat schwer beschädigt, eine Tat, die den zweijährigen Bürgerkrieg entfachte.

Die Isis-Kämpfer wollen offenbar die weit verbreitete Frustration unter den irakischen Sunniten sowie die Auflösungserscheinungen in der irakischen Armee nutzen, um den Irak wie 2006 und 2007 erneut in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Dafür rückten sie am Mittwochnachmittag weiter gen Süden und Osten vor – unter anderem in die strategisch und für die Energieversorgung wichtige Stadt Baidschi. Von dort bezieht die Hauptstadt Bagdad ihren Strom.

Vielerorts ließen Polizisten und Soldaten ihre Einheiten im Stich und flüchteten. Die Aufständischen kontrollieren nun zusammen mit den im Januar eroberten Städten Falludscha und Ramadi in der westlichen Provinz Anbar mindestens ein Viertel des Iraks.

Die Kämpfer hatten am gestrigen Dienstag Mosul, die zweitgrößte Stadt des Landes, unter ihre Kontrolle gebracht. Am heutigen Mittwoch patrouillierten maskierte Männer durch die Straßen und schwenkten schwarze Fahnen. Sie forderten Behördenmitarbeiter über Lautsprecher auf, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren. Den Extremisten sind offenbar etwa 200 gepanzerte Militärfahrzeuge vom Typ Humvee in die Hände gefallen. Auf dem Militärflughafen brachten sie auch Kampfhubschrauber in ihre Gewalt. 

In den fünf Kasernen von Mosul erbeuteten sie Raketen sowie zahlreiche Schusswaffen. Alle Gefängnisse wurden gestürmt, nach Angaben aus Bagdad befreiten die Angreifer mindestens 2.500 Isis-Anhänger. Zudem erbeuteten sie in den Banken Mosuls große Mengen an Bargeld.

Wegen des Angriffs auf Mosul sind nach Angaben internationaler Helfer mindestens 500.000 Menschen auf der Flucht. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, die Einnahme einer ganzen Stadt durch Islamisten sei "eine neue Stufe der Eskalation", die auch in der Bundesregierung "allergrößte Sorge" stoße.